erschienen in Kommunikaze 13, Februar 2005
Als windige Studentin wohnt man im Laufe seines langen Studentenlebens an allerhand interessanten Orten. In einem besonders netten Haus hatte ich auch ebenso nette Mitbewohner: Punks. Die wohnten im Erdgeschoss und bald hatte ich mich mit denen, ich will gar nicht drumrum reden, schon des öfteren gestritten, so nach dem Motto: - Kannst du mal die Musik leiser machen? - Was? - Kannst du mal die Musik leiser machen? - Ich kann machen was ich will, hier unten ist Punkland. - Ja, aber wir oben wohnen nicht in Punkland. - Scheißegal. Seitdem weiß ich, dass ich nicht sehr tolerant bin, wie man mir bestätigte, und komme damit aber doch ganz gut zurecht. Dann vor kurzem unterhielt ich mich wieder mit der besonders netten Dame aus dem Erdgeschoss, deren Name so in der Art ist wie Fenster oder Fliese, und mir wurde mal wieder bewusst, wie wichtig unsere Namen für uns sind. Meinen mochte ich ja im übrigen noch nie. Vor einigen Jahren lernte ich mal jemanden mit dem gleichen Nachnamen kennen, ich atmete innerlich auf, japs, denn endlich konnte ich mein Leid teilen. Hier war jemand, der würde es verstehen. - Und bist du zufrieden mit deinem Namen? - Nö. - Ach, du auch nicht. Erleichtert lachten wir ein bisschen.
Wir tauschten uns über die merkwürdige Begebenheit aus, dass man unserem Namen ständig ein „s“ anhängte, als würde der Name an sich nicht ausreichen oder man aus der Reihe der Umlaute einfach den nächst besten auswählte. Würde man Knickerknockernudelsack heißen, würde keiner mit der Wimper zucken und die Dame oder der Herr den Namen ohne einen einzigen Fehler aufschreiben, aber bei Baum oder Buch wird man ziemlich schräg angeschaut. Aber zurück zu Frau Fliese oder Fenster, denn auch diese Unterhaltung war äußerst aufschlussreich:
Ich: Kennst du eigentlich Michl?
Sie: Michl? Nö. (kurzes Nachdenken) Nö.
Ich: Der hat hier auch mal gewohnt, direkt gegenüber.
Sie: (Kopfschütteln).
Ich: (Beharrliches Anschauen und bedeutsames Anzeigen der gegenüberliegenden Tür.)
Sie: Ich kenn nur Michl Pichl.
Ich: Nein, Michl Pichl kenn ich nicht.
Der Tag war gerettet. Ich finde es immer wieder erfrischend, wenn ich höre, dass andere ein noch größeres Leid tragen müssen. Das letzte Mal hatte ich als Kind darüber gelacht, aber warum jetzt nicht wieder. Diese Kinder, wir kennen sie alle, sie heißen Jérome Jérome, oder Benedikt Benedict. Warum machen Eltern das, frage ich mich dann, ich meine, hallo? Und all diese Menschen, die so viel Geld haben, dass sie niemand mehr davon abhalten kann, die nennen ihre Kinder dann Peaches, Apple, Lourdes (jetzt Lola) oder Fifi Trixiebelle.
Wie das bei den Punks ist? Ich möchte jetzt noch mal betonen, dass die Punks bei uns aus dem Erdgeschoss echte Punks sind. Also richtige. Denn, wie ich immer sage, das ist bei ihnen aus der Not geboren, oder so ähnlich, und keine Modemasche. Ich finde, das ist wichtig und deswegen respektiere ich sie auch. Wenn ich die jetzt zum Beispiel fragen würde: - Wollt ihr so sein oder müsst ihr so sein? Die würden sagen: Wir müssen oder besser noch: Wir sind so. Vielleicht aber auch: Schnauze halten. Deswegen kam ich auch einmal aus der Haustür raus, und der echte Michl und nicht der MichlPichl, den ich nicht kannte, stand neben der Haustür und pieselte den roten Backstein an. - Alles klar? fragte er mich, als er meinen Gesichtsausdruck sah. - Ja, habe ich gesagt. Bei denen ist einfach alles ein bisschen anders.
Als H. einmal aus dem Keller zu uns (der WG) hochkam - wir saßen gerade in der Küche - und seine angebrannte Bratpfanne zeigte, weil jemand vergessen hatte, den Herd auszustellen, sprach er auch gleichzeitig über seinen schwulen Freund R., der so sagte er, hochgradig schwul sei, als gäbe es da besondere Abstufungen, was ich auch noch nicht wusste. Wieder was gelernt.
Um aber auf die Namen zurückzukommen, so fällt mir auf, dass sie alle Spitznamen haben und eigentlich durchweg mit H. anfangen. So heißt eine, die jetzt nicht mehr hier wohnt, also darf ich das wohl sagen, Haschi. Die schwimmen nicht auf dieser J-Welle für Jungs (Jonas, Janosch, Jochen) oder tragen die klingenden Laleli-Namen der zauberhaften L-Geschöpfe (Laura, Lena, Lisa, Lore, Lilly) mit ihren langen wallenden Haaren und den dunklen Augen, die tief im bleichen Gesicht liegen und uns fragen,... naja, mich fragen sie nichts.
Das erinnert mich daran, dass ich als Jugendliche regelmäßig mit der S-Bahn von Essen nach Düsseldorf fuhr und von netten Mitreisenden nach meinem Namen gefragt wurde. Ich war 14 und fand es eine gute Idee, mich Sisi zu nennen.- Nice name. Give me your telephone number sagten sie und wollten sich mit Sisi am nächsten Tag im ersten oder letzten Waggon nach der Lok oder kurz vorm Ende treffen.
Im letzten Waggon kann ich nie sitzen ohne daran zu denken, was die beste Methode ist um aus einem Zug zu springen. Eigentlich denke ich schon daran, sobald ich in einen Zug einsteige und wer auch immer mit mir im letzten Waggon sitzt, so meine ich, sollte es auch wissen, und während ich also im letzten Waggon sitze, schwanke ich zwischen akuten Mitteilungsdrang und mentalen Ausübungen hin und her. Zwischendurch ducke ich schon einmal rasch meinen Kopf ein. Laut dem äußerst aufschlussreichen Worstcase Scenario Handbook, mit dessen Hilfe ich nun auch Alligatoren eins auf die Nuss geben kann, polstere ich mich mit allerhand Kissen und Decken, wickele diese um meinen Kopf und Rumpf und bewege mich dann zur dieser letzten Tür. Man muss dann mit einem kräftigen Schub aus den Waden in einem langgestreckten Hechtsprung abspringen. Man kann dabei an einen rollenden Baumstamm denken. Keinesfalls sollte man in der Art der Weitspringer abhüpfen, die ersten Schritte noch in der Luft, etwa in gleicher Geschwindigkeit wie der nebenan dampfende Zug und dann meinen man würde die nächsten Schritte, in üblicher Spazier-Manier, auf dem Boden machen. So hatte ich mir das nämlich mal vorgestellt.
Ausprobiert habe ich es aber noch nicht.
Aber wie es mit den Treffen weiterging? Ich steuerte an den nächsten Tagen also ausnahmsweise und mit schlechtem Gewissen die mittigen Kabinen an. Eines Tages aber wollte ich auf meine erweiterten Ausstiegsmöglichkeiten nicht länger verzichten und stieg tatsächlich wieder in den letzten Waggon. Was soll ich sagen, die Verabredung war nicht da. Und da fing ich wieder an nachzudenken. Ob’s doch am Namen lag? Sisi? Aber vielleicht wussten die das auch schon mit dem Rausspringen und hatten es einfach mal ausprobiert. Und konnten deswegen nicht mehr kommen, weil sie jetzt, ganz wie der Englische Patient, mit leichtem Humpeln durch die Wüste wanderten.
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