Die Schlagerpolizei – live und unfreiwillig in meinem Gehörgang

von Stefan Berendes

Kleinstädter sind genügsame Menschen. Sie darben auf ihrer kargen Scholle und trotzen der Welt ein bescheidenes Dasein ab – diesbezüglich hat sich in den letzten vierhundert Jahren nicht allzu viel getan. Die Monotonie ihres Daseins wird allenfalls durchbrochen von Schützenfesten (wir berichteten …mehrfach), der Wahl der Erdbeerkönigin oder ähnlichen Lustbarkeiten.



So auch in der heimischen Kleinstadt B.: Einmal im Jahr ist Gartenstadtfest, und alles putzt sich auf das Feinste heraus. Die braven Landleute bieten beim Nachbarschaftsflohmarkt obskur geformte Feldfrüchte und selbstgehäkelte Bilder von Schäferhunden feil, und abends trifft sich alles auf dem Kirchplatz und schüttet sich schales Bier und verschiedene Obstbrände in den Kopf, bis die Leber um Hilfe schreit. Das sind freilich einfache Freuden, aber mitunter sind die einfachsten Dinge doch die besten (ein Beispiel sind die Dosenravioli eines bekannten Fertiggerichte-Anbieters aus dem Supermarkt um die Ecke, die laut Dosenaufschrift „auch kalt“ schmecken). Und nicht zuletzt gibt die Landbevölkerung verkappten Möchtegern-Kosmopoliten wie dem Autor dieser Zeilen die Gelegenheit, das Internet mit ironisch-distanzierten Texten vollzuschreiben, also haben am Ende doch alle was davon.

 

Aber zurück zum Gartenstadtfest, denn dort gastiert an diesem lauen Abend des 22. August 2009 – wie auch schon im letzten Jahr – die Schlagerpolizei, von der im Folgenden zu reden sein wird.


Eines vorweg: Ich bin bei diesem Konzert nicht anwesend, jedenfalls nicht im eigentlichen Sinne. Ich sitze vielmehr in etwa 500 Meter Luftlinie Entfernung in meinem Sperlingsruh und lausche dem durch günstige Windrichtung und eine brachiale Verstärkeranlage durch das geöffnete Fenster deutlich hörbar zu mir herüberwehenden Potpourri aus bunten Melodeien. Ich kann also leider nichts von der Stimmung direkt in der Moshpit vor der Bühne berichten, aber möglicherweise ist das auch kein allzu großer Verlust. Die Schlagerpolizei jedenfalls müht sich redlich und bügelt seit gefühlten sechseinhalb Stunden mit schierer Lautstärke alles nieder. Dabei zeigt sie, wie es sich für eine gute Polizei gehört, keine Feigheit vor dem Feind: DJ Ötzi, Münchner Freiheit, De Höner, Ich + ich – alles wird hingerichtet mit Höllenbass und Laubsägegitarren, und dazu rummst und bummst es ordentlich. Und das ist doch im Grunde ganz okay, denn bei vielen rummst und bummst es ansonsten im Leben ja eher selten. Auch das Publikum scheint ordentlich mitzugehen, zumindest lassen das die ebenfalls gut zu verstehenden Gesänge („DAN-KE-SCHÖ-ÖÖÖÖN! – BIT-TE-SCHÖ-ÖÖÖN!“) meiner Landsleute das vermuten. Dann gibt’s noch das unvermeidliche Pur-Medley und das unzerstörbare „Tränen lügen nicht“, und die White Stripes hätten sich wohl auch nicht träumen lassen, dass der Gitarrenlick aus „Seven Nation Army“ mal deutsche Kleinstädter zum Mitgrölen veranlassen würde.

 

Ich habe das Gefühl, ich werde mich später schlecht fühlen, wenn ich jetzt nicht noch was Positives sage, also zumindest soviel: Erstens bringt einen die schiere Spielfreude der Combo wirklich zum anerkennenden Schmunzeln, denn als Party-Dienstleister ist die Schlagerpolizei wahrscheinlich wirklich unschlagbar. Und mehr Lärm fürs Geld gibt es wohl sonst wohl auch nur auf der Großbaustelle. Aber im Ernst und ohne dass mir jemand böse ist: Halblaut aus 500 Meter Entfernung, einmal im Jahr durchs geöffnete Fenster, das ist genug Schlagerpolizei für mich, vielen Dank!

 

Mittlerweile ist es 1 Uhr geworden, technisch gesehen ist es schon der 23. August, aber die Bande ramentert immer noch gnadenlos weiter. Ich werde gleich vor dem Zubettgehen noch einen passenden Obstbrand kippen, um mir ein Loch in die Magenschleimhaut zu brennen und dann sanft einschlummern, während im Hintergrund Gloria Gaynors „I will survive!“ seinen tausendsten Tod stirbt. Good Night, Saigon!