Hier entsteht ein Puff

von Olker Maria Varnke

erschienen in Kommunikaze 37, viertes Quartal 2010

Mittwoch, 21. April 2010. Das Wetter ist gut, das Essen auch. Das Osnabrücker European Media Art Festival (EMAF) geht in die 23. Runde und dazu gibt es ein üppiges Buffet für die versammelte Presselandschaft. Mit dabei sind Kalle Kalbhenn, Frederik Vogel und Olker Maria Varnke für die Kommunikaze-Redaktion. Wir unterhalten uns über den letzten Betriebsausflug nach Châtenoy-le Royal, als die Kollegen vom Nachbartisch eifrig den wesentlichen Inhalt der zuvor gehörten vier Begrüßungsreden reflektieren: die isländische Aschewolke und deren negativer Einfluss auf die Internationalität des diesjährigen EMAF. Darüber hinaus sei das Essen vorzüglich, so vernehmen wir weiter. Nach demselben gehen wir in die Dominikanerkirche. Hier findet sich das Herzstück des Festivals – die Medienkunstausstellung, und hier entsteht ein Puff. So zumindest ist es auf einer Installation des Künstlers Heiko Beck zu lesen – „Dies ist keine Übung“ lautet sein Motto. Wir hoffen, dass dem doch so sei. Denn auf gar keinen Fall wünschen wir uns die kitschig-idyllische Alpenszenerie, die auf einem seiner zwei Großgemälde zu sehen ist, in die Dominikanerkirche, dann schon eher das angekündigte Rotlichtetablissement. Wir wenden uns und sehen Tobias Rosenbergers „The Grand Defender“. Hier wird die Stadtmauer der Zukunft vorgestellt. Der interessante Ansatz, der mittelalterliche Stadtbefestigungsstrategien in die Gegenwart transferiert, betont auf pervertierter Ebene Abgrenzungstendenzen moderner Gesellschaften gegenüber Minderprivilegierten. Anerkennend nickend bewegen wir uns zur Mitte des Kirchenchores. Hier befindet sich ein Turm aus Monitoren, die einen leicht schrägstehenden weißen Strich zeigen. Als wir uns zum Gehen wenden, ist das Buffet noch nicht abgebaut, außerdem gibt es Wein. Ein gelungener Auftakt zu vier Tagen Medienkunst!

Donnerstag, 22. April. In der Kommunikaze-Redaktion im Neuen Graben 19b erwachen wir zwischen 11.13 Uhr und 12.34 Uhr im Zehnminutentakt. Bereits verpasst haben wir den Beginn des Schülertags um 9 Uhr im Haus der Jugend. Schade. Als erster wirft Kollege Kalbhenn den Grill an. Die Atmosphäre dieser Tage soll so nah wie möglich an der eines echten Festivalcamps sein. Gut, dass das Gros der Redaktion noch in den Osterferien ist. So fühlt sich lediglich die Wetterredaktion durch Grill- und Biergeruch bedrängt. Wir überspielen das Murren der KollegInnen, indem Vogel „schon mal geile Mucke“ aufdreht. Ich werfe derweil einen Blick in das Festivalprogramm. Über dem „WILLKOMMEN“-sgruß auf Seite drei schreit mir eine Frau entgegen. Ich schließe das Heft und genehmige mir eine Paracetamol. Um fünf vor eins dann Abflug zur Lagerhallenbühne: Das Line-up startet mit „Utopian Landscapes“, das zugehörige Set enthält solche Hits wie „Black Rain“, „Utopia“, „Perceptual Subjectivity“, „Dear Adviser“, „Scene 32“ oder „Despair (Otchajanie)“. Im Anschluss dann Mittagsgrillen in der Redaktion. Abends im Filmtheater Hasetor eine Filmvorführung, die schon im Vorfeld des Festivals in der Kommunikaze-Redaktion hoch gehandelt worden ist. Die von uns erwartete Synergie aus progressiver Modewelt und wegweisender Underground-Musikszene Tokios entpuppt sich übertrieben rasch als ein Konglomerat urbaner Degeneration und musikalischer Grenzregionen, das den Filmtitel „We Don’t Care About Music Anyway“ nur allzu überzeugend wiederspiegelt. So ergreift beispielsweise auf einem Tokioter Schrottplatz ein mittzwanzigjähriger Künstler eine Stahlstange und streicht damit über die Saiten seiner elektronischen Bassgitarre. Gepaart mit der eindrucksvollen Technodiscolautstärke, die uns das Filmtheater Hasetor bietet, wird der Filmabend zu einem einprägsamen Erlebnis. Im Anschluss hängen wir noch ein wenig auf der Media Campus-Veranstaltung „Passion of Mind. Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ ab. Hier ist mit viel Liebe zum Detail für junges Publikum gesorgt worden. Wir sprechen mit den Zuständigen des Media Campus-Programms. Media Campus, so heißt es, sei ein Konzept, das die Attraktivität des EMAFs bei, von und durch Studierende(n) steigern solle. Und so kommt es dann auch im Laufe der Nacht zu diversen Techtelmechteln und zwischenmenschlichen Unzulänglichkeiten, von denen am Tag danach niemand etwas gesehen haben will.

Freitag, 23. April. Was für ein Tag! Um 13 Uhr startet der dritte Festivaltag mit „The Emperor’s New Clothes“. Trotz der stark ausgeprägten Geschichtsaffinität der Kommunikaze-EMAF-Delegation kommt es nicht zu einem Besuch. Stattdessen wird im Festivalcamp zur Sauberkeit gemahnt. Nach zwei Nächten sieht die Bude aus wie Sau; die Aschenbecher sind voll, die Zimmerpflanzen im Raum verteilt, der Rasenmäher hängt im Aktenschrank, und die Grillasche liegt in drei von vier Ecken. Zu Recht fordern die KollegInnen vom Wetter, dass hier mal kräftig durchgesaugt wird. Dem leisten wir Folge und gehen im Anschluss um 19 Uhr zum Roundtablegespräch ins Café Spitzboden. Hier erfahren wir interessante Hintergründe über viele Veranstaltungen des EMAF. Auch beteiligen wir uns eifrig an den Diskussionen. Besonders hartnäckig sind wir bei der Fragerunde zum Tokioter Musikfilm „We Don’t Care About Music Anyway“, den wir am Vorabend im Filmtheater Hasetor gesehen haben. Leider gibt es nur ausweichende Antworten auf unsere insistierende Fragerei: Wofür stehen der Schrottplatz und die Müllhalde? Was hat das alles zu bedeuten? Ist das tatsächlich real? Sind die Künstler noch recht bei Trost? Könnten Sie die Jungs und Mädels vielleicht bei Gelegenheit mal fragen, ob sie noch alle Tassen im Schrank haben? Um 22.15 Uhr dann „3-D Hasekult Special“. Unsere Erwartungen orientieren sich an den Erfahrungen des Vorabends im selben Kino, doch ist die Lautstärke jetzt gedrosselt. Die 50er Jahre Horrorfilme aus den USA wirken durch die zeitgemäße 3D-Bearbeitung plastisch. Am späteren Abend dann zur Feierabendparty im Osnabrücker Club „Five Elements“. Wir geben noch einmal Vollgas und versuchen mit allen journalistischen Tricks die Macher von „We Don’t Care About Music Anyway“ zu interviewen, die uns am Vorabend so eindrücklich Teile der Tokioter Musikwelt dargeboten haben und vor wenigen Stunden gekonnt unserem Investigativjournalismus ausgewichen sind. Die sind allerdings gerade auf dem Sprung nach Hause, weil ihnen die Musik nicht zusage. Unser Angebot, auf ein Getränk zu bleiben, wollen sie offenbar aus übertriebener Höflichkeit doch nicht ablehnen. Unsere erste Frage, ob das denn alles ihr Ernst gewesen sei, bringt das Interview dann leider unmittelbar ans Ende. Schade.

Samstag, 24. April. Als ich erwache, kämpft Kalbhenn mit panikverzerrtem Gesicht gegen den Reißverschluss seines Schlafsacks. Seinem Liegeplatz und dem Verlauf der Sonne nach zu urteilen, muss er seit mehreren Stunden heftiger Bestrahlung ausgesetzt sein. Dampf steigt von der Oberfläche des Nylongewebes auf. Geistesgegenwärtig erwecke ich den in Sitzhaltung vor unserem Grill schlafenden Vogel per Bierdosenwurf, und in einer konzertierten Aktion gelingt es uns den leidenden Kalbhenn zu befreien. Mit der Gießkanne kühlen wir ihn auf Zimmertemperatur herunter. Vogel setzt sich darauf wieder vor den Grill und möchte braten. Doch es ist bereits 17.50 Uhr. Jetzt heißt es: schnell sein. Immerhin sind nur noch eineinhalb Tage Festival und wir haben uns vorgenommen, alles mitzunehmen, was noch geboten wird. Dazu teilen wir uns auf und treffen uns später um 20 Uhr bei der Preisverleihung wieder. Hier dann die Überraschung: Kein Film, den wir gesehen haben, ist unter den Preisträgern. Irgendwie schade, doch hätten wir vermutlich genauso entschieden.

Am Sonntag sehen wir uns mit Rückenschmerzen und in der letzten frischen Unterhose um 20 Uhr in der Lagerhalle „Best of EMAF 10“ an – ein versöhnlicher Abschluss. Ein insgesamt tolles und aufregendes Festival neigt sich dem Ende. Wir uns auch. „Endlich Duschen“, sagt Kalbhenn zusammenfassend. „Ja, das stimmt, Kalle. Du hast wie immer recht.“