One of Us Must Know (Sooner or Later)

von Kalle Kalbhenn

erschienen in Kommunikaze 37, viertes Quartal 2010

Jo fuhr die von den Schildern von ihm verlangte Geschwindigkeit. Sein Polo war das einzige Auto auf der Landstraße, auf dem Beifahrersitz schlief Mia. Sie wachte hin und wieder auf, blinzelte um sich und schlief weiter. Das Radio spielte bedeutungslose Musik. In den Liedern ging es um Wetter und Liebe. Jo achtete nicht auf die Melodien und nicht auf die Texte. Die Sonne stand tief, die Landschaft zog vorbei. Mit ihr die Wiesen, Wälder und Tiere. Die Wiesen leuchteten grün oder gelb, der Himmel war blau mit rot. Jo fühlte sich unbeschwert. Irgendwann wachte Mia auf. Sie schwieg, und Jo merkte erst nicht, dass Mia wach war. Zur vollen Stunde kamen die Nachrichten: Wirtschaft, Krieg, Wetter, Verkehr. Jo hörte nicht hin. „Du hast lange geschlafen.“ Mia antwortete nicht. Sie trauerte der Landschaft hinterher.

Kurz vor der Grenze hielt Jo auf einem Rastplatz. Es war ein kleiner Rastplatz, und der Polo war der einzige Wagen dort. Der Himmel war jetzt mehr rot und weniger blau, und bald würde die Sonne untergehen. Mia kippte behutsam an die frische Luft. Ihr lockiges Haar war am Hinterkopf platt gedrückt und ihr Kleid verzogen. Während sie sich zurechtzupfte, ging Jo um den Polo. Jo war größer als Mia, ihr Kopf endete dort, wo seiner anfing. Er nahm Mia in die Arme und drückte sie an sich. „Entschuldige. Ich hab‘ die ganze Zeit geschlafen. Ich hätte gerne geredet.“ Jo antwortete nicht. Er versank über Mias Kopf hinweg im Rot. „Ich komme gleich wieder“, sagte Mia und drehte sich aus der Umarmung. Als Kind war Jo mit seinen Eltern jedes Jahr im Auto nach Spanien gefahren. Seither mochte Jo Rastplätze. Es waren Zwischenwelten. Orte, an denen er schwebte zwischen nicht mehr ganz hier und noch nicht ganz dort. Jo öffnete den Kofferraum, nahm sich ein Butterbrot aus dem Rucksack und setzte sich auf einen Baumstumpf.

Als es dunkel war und Mia noch immer nicht zurück, stieg Jo in den Polo und fuhr weiter. Er fuhr über die Grenze. Er war jetzt in Ostwestfalen-Lippe, und auf dem Beifahrersitz saß ein Albino-Pandabär.

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Illustration: Alice Socal