Die Steinigung

von Finn Kirchner

erschienen in Kommunikaze 37, viertes Quartal 2010

Wäre die Saison ein Krieg, die Frühjahrsklassiker wären die Ostfront. Dieser unbeschreibliche Dreck. Sieben Arten Dreck: äußerer Dreck, innerer Dreck, dreckige Methoden, dreckige Berge, dreckige Taktiken, dreckige Landschaften, dreckiger Untergrund.

Man glaubt nicht, dass man sich wirklich aufgeben kann, aber man tut es. Wie ein Rallyefahrer, der in eine Kurve fährt in der Hoffnung, es werde schon alles gut gehen. Alle Instinkte schreien nach Bremsen, doch er ignoriert sie. So geht es uns. Wir wissen, dass wir aufhören sollten, dass das nicht gesund ist, und wir machen weiter. Alles, was uns die Sicherheit gibt, dass es schon gut gehen wird, ist die Tatsache, dass es bislang immer gut gegangen ist, irgendwie. Wir können den unendlichen Schmerz, die Müdigkeit, den Schwindel und die Panik nicht ausschalten, aber wir können die Verbindung zwischen ihnen und unserer Vernunft kappen. Und so tun wir es am Poggio, nach über 290 Kilometern auf einem Fahrradsattel. Wir tun es am Koppenberg und wenige Minuten später schon wieder an der Mauer von Geraardsbergen, wir tun es im Wald von Arenberg, wir tun es am Cauberg, an der Mauer von Huy und in Lüttich.

Keiner von uns will das, aber wir tun es uns an. Schuld sind die Veranstalter, die sadistischen Fernsehstationen, das System Radsport. Kein Mensch sollte nichts anderes gelernt haben, als Tag für Tag acht Stunden am Rande des Zusammenbruchs mit den Beinen zu treten. Ich empfinde Mitleid mit der armen Sau neben mir, einem alten Tschechen. Der Mann kann nicht mehr, aber sein Kapitän schreit von hinten, er solle das Tempo halten. Der Kapitän kann den Schaum vorm Mund nicht sehen, nicht die eingefallenen Wangen, nicht die tiefen Augenhöhlen mit den grauen Kugeln darin. Der Alte geht also noch einmal nach vorne, in den Wind. Er wird bald an den Rand fahren, die Möglichkeit auf eine Zielankunft bekommt er gerade genommen. Per Team Order, damit die restlichen vier Helfer wenige hundert Meter mehr Windschatten haben. Er ist in einem Alter, da kämpft man nicht mehr mit sich, da verzieht man nicht mehr das Gesicht. Er klappt sich nach innen und wartet auf das Ende. Dass sein Körper ihm die Selbstfolter verbietet, für heute. Ich informiere meinen Kapitän, dass sein Team bald einen Mann weniger hat.

Am schlimmsten ist Roubaix. Diese endlosen Kopfsteinpflasterpassagen. Sie sind nicht für Fahrräder gemacht, genau wie Fahrräder nicht dafür gemacht sind, Strecken von Hunderten Kilometern zurückzulegen. Mit den schmalen Reifen eines Rennrads über diese Felsen zu fahren, ist wie mit einem Buttermesser eine Kuh zu filetieren. Wir sind die Kuh. Über Stunden knabbert diese Piste an uns, und unsere gut trainierten Körper verbieten uns das Sterben. Immer und immer wieder kommt dieses Reibebrett. Wir müssen auf den Kopfsteinpflasterstücken langsamer machen. Aber die Belgier scheinen gar nicht zu merken, dass sie gerade über Steine und Sand fahren. Und so halten wir das Tempo, obwohl wir uns dafür die Beine aufreißen.

Mit krampfenden Mündern versuchen wir, auch nur einen Bruchteil der Mengen an Luft aufzunehmen, die unsere Körper für diese Leistung verlangen. Luft kann man es ohnehin kaum nennen. Sand, Staub, die Abgase der Vorwegfahrenden lassen kaum noch Platz für Sauerstoff. Dennoch bücken wir uns hinab, möglichst nah an das Hinterrad des Vordermannes. Auch wenn es uns Ladungen von Schmutz ins Körperinnere schleudert, so ist die Luft doch unser wichtigster Treibstoff.

Bei Regen ist das Atmen leichter. Das Wasser wäscht die nordfranzösische Industrieluft. Dafür macht er die ohnehin schon kaum fahrbare Piste spiegelglatt. Roubaix bei Regen ist, als müsse man jonglieren, während einem ein Bein amputiert wird. Von einem selbst. Doch selbst die besten Fahrer erwischt es, wenn das Material einfach nicht mehr kann. Als Hincapie 2006 der Lenker einfach nach unten wegbrach, konnte man für einen Augenblick den Schrecken in seinen Augen sehen. Während er versuchte, die Maschine in voller Fahrt, auf Kopfsteinpflaster, ohne Lenker zu kontrollieren. Er tat mir leid, weil er nicht gleich gestürzt ist. Ein, zwei Sekunden konnte er realisieren, was passieren wird. Wie gleich seine Rippen, seine Schulterblätter, seine Hüfte aufschlagen, mit 45 km/h, auf großen Felsen. Wie seine dünne Kleidung sofort zerreißt, wie die Geschwindigkeit gebremst wird durch die Reibung von Haut auf kantigem Kopfsteinpflaster.

Im Vélodrome von Roubaix wird ein Fahrer gewinnen. Mit dreckigem Gesicht wird er einen Pflasterstein in die Luft strecken. Sein Lächeln wird in den Zeitungen sein, und nur der Dreck auf den ausgemergelten Wangen wird darauf hinweisen, was dieses Rennen seinen Fahrern angetan hat. Unsichtbar bleiben werden jedoch die nach 200 Kilometern im Zielsprint Geschlagenen, die bis auf wenige Meter ebenso gut fuhren wie der Sieger. Man wird nicht die monatelange Vorbereitung sehen und nicht den qualvollen Renneinsatz, der durch einen Defekt kurz vor Schluss zunichte gemacht wird. Nicht die schmutzigen Helfer, die eine halbe Stunde nach dem Sieger, aber ebenso ermattet ins Ziel kommen und nicht die Gestürzten in den Sanitätswagen, die ihre Verletzungen herunterspielen in dem Wissen, in der nächsten Woche wieder auf dem Sattel sitzen zu müssen. Am Cauberg, an der Mauer von Huy, in Lüttich. All diese Opfer des Rennens muss man sehen, um es zu verstehen; in Roubaix, unweit von Verdun.
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Illustration: Stefan Berendes