Intellekt sucht Intellekt (Körper egal)

von Urs Ruben Kersten

erschienen in Kommunikaze 37, viertes Quartal 2010


„Denken überzeugt Denkende; darum überzeugt Denken selten.“
Karlheinz Deschner

„Wer Brüste bewerten will, kommt an denen von Carmen Electra einfach nicht vorbei.“
Unbekannter Verfasser - GMX News


Kürzlich begab es sich, dass ich Fernsehen guckte, eine Sendung mit regionalen Inhalten auf einem der dritten Programme. Dies allein beeindruckt wenig, das gebe ich zu. Ziemlich beeindruckend hingegen war der Schwachsinnsgehalt einer der Aussagen, die im Laufe der Sendung eine der Interviewten von sich gab. „Hohoho!“, erschallt es jetzt von Seiten der Leserschaft. „Schwachsinn im Fernsehen, das ist wirklich bemerkenswert!“ Und wenn nun die rüpelhafte Leserschaft vor mir stünde, wessen würde ich da vermutlich ansichtig werden? Richtig, eines sog. süffisanten Lächelns. Nun möchte ich der Leserschaft eine Empfehlung aussprechen, enthalte sie sich jeden Kommentars sowie jeglicher Süffisanz und tue sie, was ihre Aufgabe ist. Lesen.

Aber zurück zu der eingangs erwähnten Sendung. Thema des Beitrags war Fettleibigkeit. Es wurden mehrere adipöse Personen gezeigt, die unter ihrem hohen Gewicht litten und dementsprechend versuchten, dieses zu reduzieren. Ein Herr hielt strenge Diät und trieb Sport, eine Dame hatte vor, sich einer Magenverkleinerung zu unterziehen, da Sport und Diät nicht den gewünschten Erfolg mit sich brachten. Ihr Übergewicht sei vielmehr Folge einer Stoffwechselkrankheit oder eines Drüsenleidens (ich vermeine an dieser Stelle aus den hinteren Reihen der Leserschaft wieder ein Hohoho! erschallen zu hören). In der Tat war besagte Dame schon seit Jahren sportlich aktiv und ernährte sich nach eigener Aussage ausgewogen. Trotzdem war sie stark übergewichtig und verfügte über etwas, das man in kultivierten Kreisen vielleicht als ausladende Kehrseite bezeichnen würde, in weniger kultivierten Kreisen vermutlich ganz anders. In jüngeren Jahren schlank gewesen, war die Dame nun sehr unzufrieden mit ihrem hohen Gewicht und äußerte folgenden, äußerst dummen Satz: „Niemand kann mir erzählen, dick sei chic. Und niemand kann mir erzählen, dass er sich wohl fühlt, obwohl er dick ist.“ An dieser Stelle kam mir plötzlich eine Redewendung aus dem Englischen in den Sinn, die die Häufigkeit von Meinungen mit der einer bestimmten Körperöffnung in Relation setzt. Joschka Fischer behauptete mal, wer keine Ahnung hat, habe auch keine Meinung. Es ist recht und billig, die Äußerungen der Dame aus dem Fernsehbericht als stichhaltigen Beweis für die Falschheit der vom früheren deutschen Außenminister und rhetorischen Bollerkopp Fischer aufgestellten Behauptung anzusehen. Halten wir uns lieber an die englische (oder anglo-amerikanische?) Redewendung. Meinungen sind überall und manchmal stinken sie zum Himmel.

Kürzlich sagte ein Bekannter in meiner Gegenwart, ein Studium sei Luxus. Ich entgegnete nichts darauf, guckte nur betreten. Die Leute dürfen mir gegenüber äußern, was sie mögen, auch wenn es etwas Blödes ist. Natürlich hätte ich entgegnen können, dass ein Studium oder Bildung Privilegien oder gar eine Gnade sein können. Aber Luxus? Nein, Luxus eher nicht. Doch bin ich ein höflicher Mensch, ich wies meinen Bekannten nicht auf seine Fehleinschätzung hin, ich entgegnete, wie bereits erwähnt, nichts. Auch hätte ich anmerken können, dass die Ansicht, ein Studium sei ein Luxus, zwar blöd, jedoch nicht unentschuldbar, sondern erträglich blöd war. Wir alle fangen klein an, viele machen klein weiter und eine beachtliche Anzahl von Menschen schließt auch klein. Aber nichts dergleichen. Ebenfalls für mich behielt ich den Gedanken, mein Bekannter hätte besser sagen sollen, ein Studium sei luxuriös. Diese Aussage ist deutlich blöder als jene, die er tatsächlich von sich gab und darüber hinaus auch verwirrend. Wie kann denn ein Studium luxuriös sein? Ja geht denn das überhaupt? Goldbeschlagene Sitze im Hörsaal? Nein. Nerzmäntel zur Mensaparty? Unsinn. Der Student geht nicht mehr in die Kneipe, die Kneipe geht zum Studenten? Verrückt. Höret, höret! Ein Studium ist luxuriös! Erschrockenheit und Verwunderung sprechen aus den Blicken der Menschen, denn solche Aussagen rütteln sie auf, und das wollen wir doch. Aufrütteln, die Menschen zum Nachdenken anregen, wenn nicht gar zwingen. Oder wollen wir sie zum Nachdenken verführen? Nein, zwingen ist besser, zwingen wollen wir sie, gezwungen sollen sie werden. Anregen, verführen, das ist uns zu weich. Im Zwang steckt die Kraft, schon im Klang liegt die Macht.

Der letzte Satz, meine Damen und Herren, war m.E. noch blöder als die vorangegangenen Aussagen, welche ich an dieser Stelle aus Gründen des in Erinnerung Rufens wiederhole: „Ein Studium ist Luxus, ein Studium ist luxuriös.“ Stellen wir dem erneut die letzte Aussage entgegen: „Im Zwang steckt die Kraft, schon im Klang liegt die Macht.“ Sie werden mit mir übereinstimmen, dass die diesem Satz innewohnende Blödheit kaum zu übertreffen ist. Außer vielleicht von der Aussage: „Niemand kann mir erzählen, dick sei chic. Und niemand kann mir erzählen, dass er sich wohl fühlt, obwohl er dick ist.“ Sollte dieser Satz etwa noch blöder sein als alle ihm vorangegangenen? Gut möglich, doch wir wissen es nicht. Denn die Blödheitsforschung steckt noch in den Kinderschuhen, sie ist chronisch unterfinanziert und zudem eine äußerst langweilige Disziplin. Uns bleibt also nichts Anderes übrig, als uns auf unser natürliches Gespür für Blödes und Blödheit zu verlassen. Dies führt uns zurück zu dem in der ersten Hälfte dieses Textes behandelten Thema, den Meinungen.

Wir rekapitulieren: Die Aussage, Keine Ahnung = keine Meinung, stimmt nicht. Jeder Blödmann verfügt über eine Meinung. Dass Alfred Jodokus Fischer das in seinem schicken Aphorismus natürlich total anders gemeint hat, interessiert an dieser Stelle nicht. Fresse halten, Schlaumeier! Die Welt ist voll von Meinungen, sie quillt förmlich über davon. Wir können uns vor Meinungen nicht retten, doch sollten wir uns nicht gezwungen sehen, zu allem und jedem Position zu beziehen. Manch einem scheint es tiefe Qualen zu bescheren, Ahnungslosigkeit einzugestehen oder schlimmer noch, Meinungslosigkeit. Es ist ein Phänomen unserer Zeit, dass nicht nur jeder von dem Gedanken beseelt ist, eine Meinung haben zu müssen, sondern sich darüber hinaus auch noch genötigt fühlt, diese den ihn Umgebenden mitzuteilen. Eine solche Einstellung ist falsch. Wir müssen uns freimachen von  diesem Ballast. Dazu müssen wir uns nicht anregen, noch verführen, sondern zwingen! Zwingen ist gut, gezwungen wollen wir sein, gezwungen sollen wir werden. Und zum Aufbau der Fähigkeit des Selbstzwangs zur Ablegung des Meinungszwangs, stärken wir unser Selbstbewusstsein und unsere Disziplin, indem wir im Stillen folgendes Mantra wiederholen, immer und immer wieder:

„Ich bemühe mich nicht, irgendwer oder irgendwie zu sein. Ich empfinde meine Vorlieben, Abneigungen und Affekte als völlig okay. Sie gehören nicht zu mir, wie mein Name an der Tür, denn an meiner Tür steht überhaupt nichts. Zudem ist es möglich, seine Vorlieben, Abneigungen und Affekte, einen intakten Verstand und einen starken Willen vorausgesetzt, relativ leicht zu beeinflussen, doch bin ich mit den meinen zufrieden. Meine Vorlieben sind schön, meine Abneigungen gerechtfertigt und meine Affekte gehen in Ordnung.“

Wir spüren unsere inneren Kräfte wachsen, wir befinden uns auf dem richtigen Weg. Nun, um unserer neu gefundenen inneren Ausgeglichenheit Ausdruck zu verleihen, betätigen wir uns künstlerisch. Wir werden kreativ! Zu Beginn dieser Phase empfiehlt es sich, eine leicht auszuübende Kunstform zu wählen. Malen nach Zahlen, Musicals komponieren oder das Verfassen kurzer Gedichte, wie das folgende:

„Spaß in Tüten, Spaß aus Dosen
Männer tragen lange Hosen
Spaß verstehen, Späße machen
Menschen tragen Anziehsachen

Spaß ist herrlich, Spaß ist wichtig
Du trägst Schuhe, das ist richtig
Spaßentwicklung, Spaßbegleitung
Alle Menschen tragen Kleidung“

Wir sind nun bereit uns zu zwingen, den Meinungszwang abzulegen. Ein herrliches Gefühl! Fragt uns jemand nach unserer Meinung zu einem uns nicht gelegenen, bzw. zu einem für uns uninteressanten Gebiet, antworten wir einfach: „Pft, mir doch egal.“ oder „Pah, keine Ahnung.“ oder „Pölz, ich bin der Nikolaus.“ Und sollte unser Gegenüber die Penetranz besitzen, selbst nach einer dieser Abfuhren auf einer Meinungsäußerung unsererseits zu bestehen, weisen wir höflich darauf hin, dass ein angelsächsisches (anglo-amerikanisches?) Sprichwort die Häufigkeit von Meinungen, und damit auch deren Bedeutsamkeit, mit der Häufigkeit einer bestimmten Körperöffnung in Relation setzt. In Gegenwart besonders begriffsstutziger Gesprächspartner ist sogar der Hinweis gestattet, dass es sich bei diesen in großer Zahl auftretenden Körperöffnungen weder um Münder, noch Nasen-, bzw. Ohrlöcher oder Vaginen handelt. Damit sollte dann aber tatsächlich alles gesagt sein.

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Illustration: Stefan Berendes