Sinus

von Urs Ruben Kersten

erschienen im Rahmen der Titelrubrik in Kommunikaze 37, viertes Quartal 2010

Vorspiel

Ich halte diese Menschen für Drückeberger einerseits, für Parasiten andererseits. Erst sagen sie: „Ja, natürlich!“ und „Klar, machen wir!“ oder „Sicher, das wird der Hammer!“ Später heißt es dann: „Im Moment ist es eher schlecht, holen wir nach.“ und „Klar ist das blöd, aber zur Zeit geht’s einfach nicht.“ oder „Die nächsten Tage wird’s nicht hinhauen, aber in ein paar Wochen…“ Am Schluss dann: „Nee, machen wir nicht. Ist ja jetzt auch schon viel zu spät!“ und „Das lohnt sich doch jetzt gar nicht mehr, nach sechs Monaten zumal, da ist doch auch der Abstand viel zu groß!“ oder „Was, häh? Das soll ich gesagt haben? Kannste ja mal total vergessen, würd‘ ich nie tun. Und guck‘ mal, das Parkett!“ Drückeberger!

Ist man jedoch selbst am Zuge, sagen sie: „Musst du unbedingt machen!“ und „Na sicher, ich helfe dir beim Aufräumen!“ oder „Geil, ich komm‘ vorbei! Ich muss aber nichts mitbringen, oder?“ Parasiten! Wahrscheinlich sind es dann eben diese Menschen, die sich auf eine unerträgliche Art und Weise daneben benehmen. Sie rauchen im Bad, urinieren vom Balkon oder kreuzigen die Meersau an der Wohnungstüre. Und am nächsten Tag ist niemand da, es sei denn, es gibt Frühstück. Das nehmen sie gerne mit, ist ja selbstverständlich. Wenn es jedoch ans Aufräumen geht, müssen sie schnell weg, sind übersättigt oder erbrechen sich lautstark, um dann zügig den Heimweg anzutreten. Und während diese Ratten mit Überschallgeschwindigkeit das vollgekotzte Schiff verlassen, steht der Gastgeber vor bzw. in den Trümmern seiner neuen Wohnung, Parkett zerkratzt, Tapete ab, Badezimmer zugeschissen. Alles verwüstet, alles beschmiert, alles ausgetrunken. Diese Drückeberger. Diese Parasiten! Dieser Abschaum!!


1. Akt - Impressionen

Der neue Tag begann deutlich schlechter, als der vorangegangene geendet hatte. Die Sonne brannte durch das Fenster, Vorhänge nicht zugezogen. Noch besser: Keine Vorhänge mehr vorhanden. Ein Geruch im Zimmer und ein Pelz auf der Zunge.

UNTEN



„Eingeladen? Natürlich bist du eingeladen! Klar, komm‘ rein, nimm dir ein Bier! Kein Bier? Wir haben Wein, Cocktails… Gern. Was? Ja, natürlich ist das Ganze nicht ganz billig hier. Aber man möchte ja auch nicht sein ganzes Leben in einem Schuppen wohnen, HAHAHA! Genau. Ja, genau. Ja, der DJ ist super, nicht wahr? Ist ein alter Kumpel aus Berlin und…“

OBEN



Schwache Lebenszeichen, der Kopf eine Hölle aus Schmerzen. Überquellende Aschenbecher in einem Meer aus Leergut und Abgenagtem. Einem zufällig Vorbeikommenden würde der Geruch die Kotze hochtreiben, die Anwesenden jedoch waren über Nacht eins mit diesem Duft geworden. Scham, Übelkeit und Selbstekel. Alles am Ende.

UNTEN



„Ja, den Bandleader kenn‘ ich noch aus der Schule, ist ein alter Kumpel. Die kommen aus Hamburg, die Jungs, sind da ‘ne verdammt große Nummer. Ja, ist echt geil, was die machen und… Was? Ja genau, die spielen hier echt nur für Fahrgeld und Verpflegung, sprich: Bier. HAHAHA! Die könnten hier richtig was nehmen, ja, habe ich denen auch gesagt Aber alte Kumpels halt, so ist das eben…“

OBEN



Die Aufräumarbeiten beginnen schleppend. Gesenkten Hauptes bewegen sich die Anwesenden durch den Müll, es wird wenig gesprochen. Verschiedene Einrichtungsgegenstände sind über Nacht unbrauchbar geworden und verschwinden im Keller, der Kühlschrank ist leer, das Parkett ruiniert.

UNTEN



- „Hallo?“

„Ja, hallo? Wer is‘ denn daaa?“

- „Äh, ich bin’s. Du hast doch mich angerufen.“

„Ach ja, richtig, du bist’s, heyyy! Na, wie geht’s?“

- „Gut geht’s, danke. Wie war’s gestern noch?“

„Alter, gestern ist noch nicht vorbei! Komm rum Alter, die Party geht weiter! Wir feiern einfach weiter, wir haben noch alles da und…“

OBEN



2. Akt – Begrifflichkeiten

Oben und unten. Oder oben oder unten? Oben oder unten als Ist-Zustand? Oder vielleicht als Prozess? Als aktiver Prozess oder als Ergebnis eines Prozesses? Ergebnis welchen Prozesses? Des Prozesses der Bewegung zwischen zwei Polen, genannt „oben“ und „unten“? Also doch Ist-Zustand? Nein. Alles bewegt sich, fließt nicht, sondern beschreibt Kurven. Oder Wellen. Auf und ab, oben und unten. Auf oder ab, oben oder unten. Ein Prozess! Wir stehen staunend in der Mitte während weiter prozessiert wird, eine muntere Prozession. Wir blicken von oben herab oder von unten hinauf oder auf halber Höhe abwechselnd in beide Richtungen, je nachdem. Wir befinden uns im Zentrum und beobachten uns selbst von außen. Wir lassen geschehen, doch das Geschehen lässt uns nicht. So geschieht’s.


Zwischenspiel

„Nein, aber ich könnte Ihnen stattdessen meinen Golfschläger durch die Fresse ziehen.“ Das hatte gesessen, genau wie mein Abschlag. „Hole in one, biatch!“, brüllte ich, während mein Ball noch durch die Luft flog. Die Behinderten von der Driving-Range glotzten blöd, als ich den Moonwalk abzog und meine Spikes den Rasen der Green Box in Streifen schnitten. Sollte der beschissene Greenkeeper doch kommen und sich beschweren, dem würde ich den Arsch auch noch aufreißen. Doch zu seinem Glück ließ er sich nicht blicken. Also zeigte ich meinem Wrack von einem Gegner noch flugs den Mittelfinger und gab dem Cart Saures. Wie bekommen solche Arschgeigen nur ihre Platzreife? Die denken, Tee sei ein Heißgetränk und PGA halten sie für einen elektronischen Kalender. Mit ähnlichem menschlichen Abfall musste ich mich täglich im Büro herumschlagen. Einfaltspinsel, vollkommen debil und dermaßen unfähig, dass sie sich ohne Personal Assistant nicht einmal die Schuhe zubinden können. Am liebsten hätte ich sie alle zu Tode geprügelt. Leider ging das nicht so einfach, dafür schikanierte ich die Minderbemittelten, wo es nur ging. Auf Betriebsfeiern und informellen Meetings schlug ich auch mal jemanden zusammen, im Tagesgeschäft beschränkte ich mich auf verbale Attacken und andere Gemeinheiten. Kakerlaken im Frühstück, Pisse im Kaffee oder Scherben im Sitzpolster, nicht originell aber effektiv. Die meisten hielten nur wenige Monate durch und der betriebseigene Sozialarbeiter schob Überstunden, bis ich ihn rausschmiss. Inkompetentes Pack, am liebsten schälte ich ihnen das Fleisch von den Knochen und stieße sie hinab in den neunten Kreis der Hölle.


3. Akt – Innen- / Außensicht

Sie unterhielten sich noch eine Weile über das, was am Abend, in der Nacht und am darauf folgenden Morgen bis in die frühen Abendstunden des neuen Tages hinein geschehen war. Ihre Erinnerungen waren bruchstückhaft, viele der sie umgebenden Einrichtungsgegenstände waren es ebenfalls. An diesem Ort hatten sich Menschen gehen lassen, Zerstörungswut und mangelnde Hygiene, ein Kotzestrahl aus tausend Kehlen. Postalkoholische Niedergeschlagenheit kettete sie an ihre Sitzmöbel, Scham ob des Gesagten und Getanen gesellte sich zu ihnen und machte es sich auf dem Sofa gemütlich. Dokumente ihres abstoßenden Treibens hatten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bereits ihren Weg in das Internet gefunden, zugänglich für jedermann. Zeugnisse von Degeneration und Kulturlosigkeit, global verfügbar, lokal unleugbar. Sie wagten es nicht, ihre Personal Computer, Mobiltelefone, Netbooks oder Tablet-PCs anzurühren, zu groß war die Schande. Und alle hatten munter mitgetan. Erst Viele, dann Einige, am Ende nur noch Wenige. Doch je geringer ihre Zahl, desto intimer ihr Umgang, desto inniger ihr Austausch. Die Berührungen waren zärtlich gewesen, die Blicke voller Zuneigung, wie unter Liebenden, wie unter Brüdern und Schwestern. Doch wo waren die Anderen, wohin verschwanden sie? Der Gedanke an die Vertraulichkeiten der vergangenen Nacht bescherte ihnen Übelkeit. Die Erinnerung ließ die Scham erneut in ihnen aufwallen, sie plagte sie, genau wie die Anderen, die auch Teil der Wenigen gewesen waren, Scham ob der gewährten Nähe, Scham ob der aufgegebenen Distanz. Das Gefühl OBEN angelangt zu sein hatte getrogen, sie waren tiefer und tiefer hinab gestiegen und hatten sich UNTEN eingefunden, hatten sich dort niedergelassen und behaglich eingerichtet.

Nachspiel

„Natürlich… Ja, natürlich habe ich ein neues Projekt am Laufen. Was? Ja, ist natürlich wieder was Existenzielles, was? Ach so, ja, ist schwer zusammenzufassen, kann man schwer in einem Wort zusammenfassen, ja. Ist wieder mehr so textbasiert, hmhm… Du auch, ja. Ja sicherlich… Nein nein, ich verstehe das völligst. Ja sicherlich, ja natürlich, ja... Ja sicherlich, ja klar… Woher denn, nein, ich meine… Ja natürlich… Ja bestimmt… JajaJaja… Ja… Ja… Ja… Ja… … …“

sinus.gif

Illustration: Mia Hague