Oben und unten

von Tobias Nehren

erschienen im Rahmen der Titelrubrik in Kommunikaze 37, viertes Quartal 2010

Das Telefon klingelte, und als ich den Hörer abnahm und Sandras Stimme nach über einem Jahr zum ersten Mal wieder hörte, verschwamm durch ihren Unterton am anderen Ende der Leitung der Raum um mich herum wie warmes Wachs und wurde als Klumpen in meinem Magen wieder fest. Christian war tot, sagte sie.

Ich hatte bis dahin noch nie einen Menschen aus meinem Leben lassen müssen. Ich war dem Tod noch nie begegnet, er war immer eine Erscheinung, die es in Gedichten und Filmen gab, eine Vokabel, die in meinem Kopf keine Wurzeln in die Realität geschlagen hatte. Mein Opa war gestorben, als ich noch nicht auf der Welt war, und sonst waren alle um mich herum lebendig, einige mehr, andere weniger. Ich wusste, dass es ihn gab, den Tod, und dass er Tränen und Leid und Trauer und Schmerz und manchmal gar Erleichterung  auslösen konnte. Und dennoch war Tod bis zu diesem Zeitpunkt immer etwas, das ich beobachtete, das mich aber nicht betraf.

Und nun war Christian mit einem Mal weg. Tot! Ein Autounfall! Er hatte sich nach der Arbeit, seiner geregelten Arbeit, in seinen Audi gesetzt, hatte vermutlich die Anlage des Wagens laut aufgedreht, war dann vermutlich laut mitsingend von der Straße abgekommen und war gegen einen Baum gefahren. Weder fünf eingebaute Airbags, noch Seitenaufprallschutz, noch Sicherheitsgurte oder sonstwelche Vorkehrungen hatten ihn schützen können. Einfach Bumms! Niemand, niemand hatte Schuld, nur das Leben oder der Tod hatten zugeschlagen. Das Leben, das Schicksal oder der Tod hatten einen winzigen Moment der Unaufmerksamkeit genutzt, hatten die Faust geschlossen und ihn aus dem Leben gerissen. Weder wir noch Christian wurden gefragt, ob das jetzt gelegen käme, ob der Zeitpunkt richtig oder ob es später willkommener sei. Irgendetwas war gekommen und hatte einfach passieren lassen, und er und wir hatten nun mit den Konsequenzen zu leben; um genau zu sein, hatten wir mit den Konsequenzen zu leben, was Christian nun machte, das konnte niemand wirklich sagen.

Ich hatte Christian auch jahrelang nicht gesehen, wir hatten gemeinsam Abitur gemacht, hatten miteinander getrunken und gefeiert, hatten Träume geträumt und für ein paar Nächte unsere kleine Welt regiert.

Wir hatten während der Schulzeit kleine Rituale und coole Gesten. Christian war der Schwarm der jüngeren Mädchen, und ich war in unserem Umfeld immer so etwas wie die moralische Instanz, der Erwachsene. Er wirkte befreiend auf mich, und ich versuchte ihn vom Dämon des allzu erfolgreichen Vaters zu befreien, unter dem er litt.

Wir waren Freunde, wir waren wirkliche Freunde. Wir hatten nicht nur Bier und Fußball geteilt, sondern auch Ängste und Nöte. Irgendwann hatten wir uns unterschiedlich entwickelt und waren dann getrennte Wege gegangen, ohne dass irgendetwas vorgefallen war, einfach so. Ich hatte ihn allerdings nie so wirklich aus den Augen und Ohren verloren. Über Sandra, sie war seine erste große Liebe, hatte ich mich stets nach ihm erkundigt und hatte erfahren, dass er irgendwie doch im Schatten seines Vaters hängengeblieben war. Er war heute mit 29 kein Millionär geworden und er hatte der Welt nicht gezeigt, dass „Christian ein nicht zu bändigender Tiger mit scharfen Zähnen“ war, wie er in der Nacht unserer Abi-Entlassung behauptet hatte. Christian war ein Träumer, der irgendwie glaubte, er müsste ein Königreich erobern und regieren, weil Träumer in den Augen seines früh verstorbenen Vaters nichts galten.

Nun war er nicht mehr. Sandra und ich teilten uns einige Freunde auf, die es zu informieren galt. Und wir verabredeten uns für den Morgen, an dem die Beerdigung stattfinden sollte und legten fest, dass wir Geld zusammenlegen wollten, um einen Kranz auf sein Grab zu legen.

Ich führte also noch einige Telefonate, hörte ein paar mehr oder weniger vertraute Stimmen und nahm einige mehr oder weniger erwartete Reaktionen auf, um mich dann in unsere Heimat aufzumachen, um der Beerdigung beizuwohnen.
Am Freitagmorgen kam ich früh in Eckernförde an und traf mich mit Sandra. Die Sonne schien zum ersten Mal in diesem Jahr und ließ erahnen, dass diese Stadt an der Ostsee lebendig war und wunderschön. Cafébesitzer trugen Tische und Stühle auf den Markplatz, und Damenschuhe mit Absätzen machten Laute auf dem Kopfsteinpflaster, die Winterschuhe nicht hervorzubringen vermochten. Die Stadt erwachte aus ihrem Winterschlaf und wurde durch den Frühling zum Leben erweckt. Dies alles geschah sicher in jedem Jahr, und sicher wurde mir in jedem Jahr bewusst, dass ich es liebte. Zum ersten Mal waren andere Gerüche als Eis und Kälte in der Luft. Und all diese Eindrücke ließen mich vergessen, wie sehr ich den letzten Winter gehasst hatte. Jetzt wurde alles neu und Türen standen sperrangelweit offen.

Sandra stand immer noch eine gewisse Fassungslosigkeit ins Gesicht geschrieben, als ich sie auf der gegenüberliegenden Seite des Marktplatzes entdeckte. Sie trug ein schwarzes Kostüm - ich hatte sie noch nie zuvor in einem Kostüm gesehen - und sah wahnsinnig erwachsen aus. Weiblich, erwachsen und sexy. Sie zog den rechten Mundwinkel zu einem Lächeln nach oben. Dadurch zeichnete sich um ihren getrübten Blick ein Anflug von Freude ob unseres Wiedersehens auf ihrem Gesicht ab.

Wir setzten uns an die Fensterfront eines kleinen Cafés, das ich zuvor noch nie gesehen hatte und wir sprachen über Christian und was wir mit ihm erlebt hatten. Wir sprachen auch über uns und darüber, was Christians Tod für uns bedeutete. Dass uns nun mit 29 zum ersten Mal jemand ein wirkliches Warnschild an den Rand unseres Lebensweges gestellt hatte, das darauf verwies, dass dies alles hier nicht für immer sein würde.

Ein oder zwei Stunden später kamen noch drei weitere alte Freunde aus Schulzeiten dazu . Dennis, Stefan und Kai waren Teil unserer Clique gewesen, und nun war jeder von uns nicht mehr unmittelbarer Teil des Lebens der Anderen. Dennoch fanden wir alle schnell wieder  ein paar Enden, die wir aufnehmen und an die wir anknüpfen konnten. Wir hatten uns viel zu erzählen und waren alle offen für die Geschichten und Fakten, die die anderen aus ihren Leben mitbrachten. Ein oder anderthalb Stunden später fuhren wir gemeinsam zum Friedhof. Die Sonne blendete durch die Windschutzscheibe von Stefans Neuwagen, auf den er sehr stolz war, und die Wärme auf meinen Knien lenkte mich etwas von der sich ausbreitenden Bedrückung bei den Insassen der Limousine ab.

Es waren 40 oder 50 Personen gekommen, die Christian die letzte Ehre erweisen wollten. Sandra hakte sich auf dem Weg zur Trauerfeier bei mir unter, und stille Tränen liefen bis auf den Kragen ihres Mantels. „Die erste ‚Große Liebe‘ verlässt einen wohl nie so ganz“, flüsterte sie und gluckste dabei beinahe lautlos in sich hinein. Mir wurde wieder bewusst, dass sie sowohl zur Melodramatik als auch zur humoristischen Reflexion über eben diese fähig war. Die Zeremonie an sich war sehr nüchtern. Christian und seine Familie waren nicht gläubig und legten keinen großen Wert auf Verabschiedungen mit großen Gesten. Ich kann mich an die ganze Zeremonie kaum erinnern, nur dass Blumen und dann doch ein pathetisches Lied definitiv eine Rolle gespielt haben. Christian hätte sich ohnehin einen Abschied mit den Worten „Scheiß‘ doch drauf. Schmeißt Erde ins Loch, oder lasst es bleiben!“ gewünscht. Und das Gesicht von Christians Mutter habe ich noch im Kopf, denn sie war glücklich, dass wir gekommen waren, um Christian zu verabschieden. Sie war eine wirklich schöne, stolze Frau, und der rote Mantel, den sie an diesem Tag trug, zeigte deutlich, dass sie nichts auf Konventionen gab. Als wir wegfuhren, stand sie auf dem Friedhof, strahlte aus einer Menschentraube heraus, nahm immer wieder Beileidsbekundungen entgegen, weinte und strahlte dennoch Stolz aus.

Was aber für uns wirklich von Bedeutung war, das geschah nach dem offiziellen Teil. Wir fünf verabredeten uns in der Innenstadt. Dort versammelten sich nun nicht nur alte Bekannte, deren Lebenswege sich in letzter Zeit selten gekreuzt hatten. Vielmehr versammelten sich dort fünf Menschen, die sich nun mindestens an diesem Tag noch einmal brauchten. Gegenseitig ergänzten wir einander das Bild, das wir von Christian bewahren konnten.

Das „Zentral“ war immer noch ein Café -Schrägstrich- Restaurant -Schrägstrich- Kneipe, wie es sie viele tausend Mal in Deutschland gibt. Holztische waren in enger Unordnung zusammengestellt, sodass die ungeübten Servicekräfte immer noch Probleme bei der Bedienung hatten, und auf der Karte gab es alles, was frittiert und/oder aufgetaut werden konnte. Auch die Cocktail Happy Hour dauerte, wie zu unserer Schulzeit, immer noch wochentags von 17 bis 21 Uhr. An den Wänden hingen immer noch alte amerikanische Blech-Werbeschilder von Wrigley´s über Aral bis hin zu Pepsi Cola, und alles wirkte so, als wäre seit unserer letzten Freistunde gerade einmal eine Woche vergangen.

Wie für Dennis üblich, machte er keine Umschweife und bestellte fünf Long Island Ice Tea mit der Bemerkung, dass Christian den auch stets getrunken hatte. Ich lehnte ab, für mich und meinen eher kontrollierten Lebenswandel kam das Trinken von Cocktails vor Sonnenuntergang nicht in Frage. Aber hier saßen nicht vier Kollegen, die mich als  kontrollierten, engagierten und kreativen Kollegen oder Freund kannten. Hier saßen vier Abiturienten, die gerade dabei waren, die Fassungslosigkeit über den Abschied eines alten Freundes zu vertreiben. Und der Blick, den mein Abwinken erntete, machte deutlich, dass es keine Ausrede für mich gab, und so tranken wir nicht nur einen Cocktail, sondern noch einen und noch einen. Wir aßen Kartoffelspalten mit Sour Cream und waren für einen Nachmittag wieder 20 Jahre alt. Mit dem einzigen Unterschied, dass wir in unseren Gesprächen nicht nach vorne blickten und keine Luftschlösser bauten, sondern dass wir in die Vergangenheit schauten, mit dem dumpfen Gefühl, dass Christian irgendwie mit am Tisch saß.

Irgendwann ergriff Dennis wieder die Initiative. Er bestellte ein Taxi, und wir fuhren Richtung Strand. Auf dem Weg hielten wir noch an unserer altbekannten Tankstelle, die mittlerweile einer großen Kette angehörte. Aber immer noch gab es den alten, verknitterten  Mann hinter der Theke, als wären wir nie weg gewesen. Wir kauften eine Palette  Dosenbier. Dann setzten wir uns auf die Holzpaneele der Promenade, rauchten Zigaretten mit eingedrehten Filtern, und in unseren Gesichtern malte die Sonne ein Gelb, das von Frühling und von Wärme zeugte.

Dennis fing an eine Geschichte zu erzählen, die vom „wilden Christian“ handelte, und wie er mit schmutzigen Knien von einer „Unterhaltung“ mit Sandra zurückgekommen war, und wie Sandra damals versucht hatte, eine Geschichte zu erfinden, die sowohl ihre Frisur als auch seine Knie erklären sollte. Sandra lachte laut und aus vollem Herzen und fiel dabei rücklings in den leicht nassen Strandsand. Stefan erinnerte sich an einen Abend, an dem Christian ihn vergessen hatte und er sechs Stunden lang im Wohnzimmer von Christians Eltern gesessen hatte. Ständig auf der Hut, nicht rausgeworfen zu werden, denn dringend benötigte er den DVD-Player von Christian, um bei einem Schwarm Eindruck zu schinden. Wir saßen dort an der Promenade, ritzten gemeinsame Erinnerungen und Anekdoten, die tief in unseren Köpfen lagerten wieder nach und sorgten dafür, dass Christian - egal, ob er überhaupt irgendwo und wer weiß wo genau war - Spuren in unseren Leben hinterließ.

Kein Wort und keine Rede, kein Kranz und kein Bankett hätten Christian gebührender aus unserem Leben verabschieden können als dieser Nachmittag und das Gefühl, das der Ausblick auf den Horizont uns geschenkt hatte. Noch einmal hatte diese Linie die Hoffnung geweckt, dass die Zahl der Möglichkeiten, die das Leben uns bot, auch nur ungefähr deckungsgleich mit der unendlich scheinenden Linie war, an der sich Wasser und Himmel trafen.

Noch einmal wir hier unten und Christian über, unter und zwischen uns.
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Illustration: Christian Reinken