Das Orakel hat gesprochen

von Judith Kantner

erschienen im Rahmen der Titelrubrik in Kommunikaze 37, viertes Quartal 2010

„Ich check‘ das alles nicht mehr. Was ist denn das für ein Wahnsinn?“, flucht Paul. So flucht er öfter. Ich hör‘ das schon gar nicht mehr. Paul sitzt vor dem Fernseher, ich stehe in der Küche und püriere mit der rechten Hand bedächtig das Gemüse für die Gazpacho, während ich mit der linken gedankenverloren meinen iPod etwas lauter drehe. Queen, „Who wants to live forever?“, höre ich und frage ich mich auch.

Nach dem Essen - ich schweigend am Küchentisch über meiner kaum angerührten Gazpacho, er fluchend vor dem Fernseher - sagt er, dass er noch mal dringend zu Raffael müsse. Dort, wo er eben noch saß, bleiben ein leerer Teller, eine leere Flasche Cola, zwei rote Gemüseflecken im weißen Teppich und ein durcheinander gewürfeltes Sofa-Stillleben zurück.

Normalerweise würde die Szenerie jetzt so ablaufen: Ich sprühe Teppichreiniger auf die Flecken, nehme den Teller und spüle ihn mit meinem und den Töpfen ab.  Die leere Flasche Cola wird ins Leergut sortiert und der Teppich abgesaugt. Während die zweite Fuhre Teppichreiniger einwirkt, sortiere ich die Kissen, rücke die Decken wieder gerade und sauge noch mal den Teppich ab. Dann greife ich zum Hörer und rufe meine Freundin Susanne an, um ihr von meinem Tag zu erzählen, und sie erzählt mir von ihrem.

Normalerweise. Heute nicht. Als die Tür hinter Paul ins Schloss fällt, lasse ich meinen Löffel in den halbvollen Teller Gazpacho fallen, nehme meine Handtasche und setze mich ins Auto. Ich gebe zünftig Gas und fahre und fahre und fahre. Wie in Trance. Ich sehe nicht die schöne Landschaft Freiburgs. Ich sehe nur den Asphalt und wie die Straßenschilder an mir vorbeisausen.

Plötzlich klingelt mein Handy. Ich fahre an den Straßenrand und sage „Hallo“. „Lusia, wir haben eine Mission zu erfüllen“, höre ich. Ich erfasse gleich die Dringlichkeit der Lage und fahre wie vom Joystick gesteuert in die Mühlhauser Straße. Meggi steht schon aufgeregt vor der Tür, reißt die Beifahrertür auf und springt in den Sitz. „Fahr!“, befiehlt sie.

Ich frage nicht wohin, weiß eh Bescheid. Gebe Gas, merklich, wir kleben am Sitz und werden nicht geblitzt. Wir setzen unsere Sonnenbrillen auf, denn es ist noch vor 19 Uhr und so fühlen wir uns cooler, passender, für das, was uns bevorsteht.

Ich denke, es ist still im Auto, da merke ich, dass ich immer noch den iPod im Ohr habe, und als ich den rechten Ohrstöpsel unauffällig aus meinem Ohr nehme, höre ich Meggi erzählen. „Das Ding ist heiß, verdammt heiß“, sagt sie. „Wir haben schon so einiges gemeistert, das packen wir auch, verstehst du? Wir packen das! Koste es, was es wolle. Findest du nicht auch?“ Während ich nicke, ziehe ich auf Höhe einer Baustelle auf der Autobahn mit 180 Sachen an einem schwankenden LKW vorbei und freue mich, dass mein schwarzer Audi solche Dinge tun kann.

„Mach‘ mal das Radio an, wir brauchen ein Zeichen“, sagt sie und stellt das Radio an. Sie sucht sich durch die verschiedenen Sender, bis sie die perfekte Welle gefunden hat. Wir schweigen und lauschen der Musik von radio dreyeckland.

Bei Karlsruhe fahre ich auf die A5. Wir passieren Mannheim dann Frankfurt. „Sieben, sieben“, sagt Meggie, und ich fahre bei Bad Hersfeld von der A5 auf die A7. Göttingen, Salzgitter, nach Stunden passieren wir Hannover, Hamburg. Meine Augen fallen fast zu. Sieben verdammte Stunden sitze ich schon wie in Trance und mit einem iPod-Stöpsel im Ohr am Steuer. „Willst du nicht mal fahren? Ich kann nicht mehr“, sage ich, und sie schüttelt mit dem Kopf.

Irgendwann, es läuft gerade der Song „Es tut wieder weh“ von Jennifer Rostock. Da schreit Meggi auf. „That’s it. Rostock, hörst du? Rostock!“ Ich verlasse die Autobahn Richtung Lübeck. Wir schweigen. Der Empfang wird immer schlechter. „Wir sollten den Sender wechseln“, sage ich.  „Nein, noch besser, wir machen eine Pause.“
Meggi schweigt. Ich spüre, wie es in ihrem Kopf brodelt. Dann lenkt sie ein. „Du hast Recht.“
Wir gehen aufs Sanifair-Klo, bestellen uns hinterher einen Kaffee im Mc Donald‘s nebenan und rühren drin herum. Nach einer Weile sagt Meggi: „Das Orakel hat gesprochen. Es geht noch tiefer in den Osten!“ „Wohin?“, frage ich. „Keine Ahnung, Richtung Stralsund vielleicht“, scheint sie dem Kaffeesatz zu entnehmen. „Wir müssen uns beeilen“, sage ich. Wir blicken uns in die Augen, lassen unseren Kaffee stehen und stürzen zum Auto.

Vor mir fährt ein gelber Seat Marbella. Er leuchtet uns den Weg. Er fährt zu langsam. Ich fahre links neben ihm, lasse die Scheiben runter und frage, wohin er will. Der Mann im Seat sagt: „Ich will nach Hause. Nach Zingst.“ „That’s it, that’s it“, schreit Meggi, und ich gebe Gas.

Wir drosseln das Tempo. Überall darf man nur 60 oder 80 km/h fahren. Wir passieren kleinere Ortschaften mit so seltsamen Namen wie Dierhagen oder Wustrow.

„Ich habe Hunger“, schreit Meggi. Na gut, denke ich, denn wir haben es mittlerweile 3.30 Uhr früh. Ich halte an einer Tankstelle, wir zwitschern uns zwei Hot Dogs rein, zwei Snickers und zwei Magnum-Eis, zwei Wasser und eine Cola. Wir kaufen noch einen Rotwein und ich sage: „Ich fahr nicht mehr weit.“ Mein Audi übrigens auch nicht, denn wir haben vergessen zu tanken, und jetzt bleibt er einfach liegen. „Ich hab‘s“, sagt Meggi. Wir lassen das Auto mitten in einer Ortschaft namens Prerow stehen und rennen.

Es ist 4.10h. Wir liegen völlig fertig am Strand. Am weißen Sandstrand und sehen, wie sich die Sonne am Horizont erstreckt.

„That’s it. That’s it“, murmelt Meggi. Wir schauen zu, wie die Sonne aufgeht und rühren uns nicht mehr vom Fleck. Ein paar Stunden später ziehen ein paar Jogger vorbei. Die Strandbesucher schlagen ab zehn Uhr ihre Strandmuscheln auf. Liegen da, sonnen sich, cremen sich ein, gehen ins Wasser, kommen wieder. Manche sind genervt, manche scheinen entspannt zu sein. Die Kinder bauen Sandburgen, viele  Erwachsene pfeifen sich bei 30 Grad in der Sonne das Dosenbier rein. Viele haben einen ostdeutschen Dialekt. Man redet übers Wetter, das Essen oder über Onkel Ronny.

Gegen 18 Uhr leert sich der Strand. Viele Touristen bauen die Strandmuscheln wieder ab und ziehen von dannen. Um 20 Uhr mache ich die Flasche Rotwein auf, weil ich Hunger habe und wir sonst nichts dabei haben.

Wir prosten uns zu und warten bis die Sonne wieder untergeht. 20.30 Uhr schreibt meine Uhr. Meggi murmelt „That’s it, That’s it“, und ich liege da und lausche den Wellen. Als ich mich zu ihr drehe, ist sie weg. Ich liege da, schaue der Sonne zu, halte eine Hand, vielleicht ihre Hand, vielleicht eine andere.  Ich sehe zu, wie der Himmel rot wird und die Sonne im Meer versinkt.  Ich drücke meinen rechten iPot-Stöpsel wieder ins Ohr als der Song „Save me“ von Queen erklingt. Die Wellen rauschen sanft. „That’s it. That’s it“, denke ich und schließe die Augen.


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Illustration: Mia Hague