Über den Rand

von Stefan Berendes

erschienen im Rahmen der Titelrubrik in Kommunikaze 37, viertes Quartal 2010

Der Wind zerrt an ihm, als er das Dach betritt. Er braucht vier Versuche, bis er es endlich schafft, sich eine Zigarette anzuzünden. Er kommt oft in seinen Pausen zum Rauchen hier herauf. Es ist angenehmer, als unten vor der Tür auf der Straße zu stehen, bei all den anderen.
Auf dem Dach ist es kalt und windig. Und es ist so hoch oben, dass die eilig umherhastenden Figuren unten auf der Straße so aussehen wie die Ameisen, die sie in Wirklichkeit sind.
Er zieht an seiner Zigarette.

Dies ist seine früheste Erinnerung: Sein Vater und er gehen am Meer spazieren. Sie kämpfen sich den Deich hoch, der Wind kommt von vorn. Schweigend stemmen sie sich gegen das wilde Rauschen. Es ist anstrengend, und er hat Angst. Angst, dass der Wind ihn packt und ihn fortweht, bis ans Ende der Welt. Er ist viel zu klein.
Und dann sind sie endlich oben und sie sehen das Meer, das scheinbar bis in die Unendlichkeit führt. Und sein Vater lacht, obwohl ihm Tränen der Anstrengung über das Gesicht laufen. Und er sagt: „Fips (so nennt sein Vater ihn), du brauchst nur den Wind in deinem Rücken, dann kannst du alles schaffen!“ Und als er das sagt, dreht zufällig der Wind (es gibt keine Zufälle), und einen Moment zerrt er noch an ihnen, und dann trägt er sie über den Rand. Und er rennt den Deich hinunter und lacht, so laut er kann, und der Wind macht ihn schneller.
Runter geht es immer leichter als rauf.

Es ist sein zweiundzwanzigster Geburtstag, und sie stehen beide am Ufer und schauen auf den See hinaus. Er mag sie sehr, aber mit ihr zusammen wird die Welt so eng, Und es gibt so viele Möglichkeiten für ihn, in denen sie nicht vorkommt. Und er weiß schon lange, dass er eine Entscheidung treffen muss, aber er schafft es nicht. Und dann hört er plötzlich das vertraute Rauschen und spürt den Wind im Rücken, und der trägt ihn über den Rand, so wie immer.
Und es tut kurz weh, aber am Ende ist es so das Beste für beide.

Es ist sein erster Job, aber er ist gut in dem, was er tut: Kaufen, verkaufen, Risiken verteilen, liquidieren, abstoßen, Rendite reinvestieren und wieder kaufen. Wie im Takt einer irrsinnigen Maschine, die niemals nachlässt.
Sie sind Zauberer. Sie sind Titanen. Sie sind die Herren des Universums, in diesen Momenten. Sie drehen ein ganz großes Rad.
Es ist Irrsinn.
Es ist gigantisch.
Sie verpacken große Risiken in ein Bonbonpapier aus kleineren Risiken. Sie verschnüren die Pakete so kunstvoll, dass am Ende alles einen Sinn ergibt. Solange man nicht allzu genau hinschaut.
Sie balancieren auf einer Messerklinge, und zu beiden Seiten geht es sehr tief runter. Aber er hat den Wind im Rücken, und alles geht gut.
Und dann dreht zufällig der Wind
(es gibt keine Zufälle),
und die Messerklinge verwandelt sich in ein Fallbeil. Und die, die als erstes fallen, haben es wenigstens hinter sich.
Runter geht es immer leichter als rauf.

Seine Zigarette ist heruntergebrannt. Die Pause ist gleich vorbei. Er schnippt den Filter mit der Hand fort und sieht zu, wie der Wind ihn über die Dachkante und dann in die Tiefe reißt. Unten auf der Straße hasten die Ameisen immer weiter. Wie im Takt einer irrsinnigen Maschine, die niemals nachlässt.
An der Kante zerrt der Wind noch einen Moment an ihm. Die längste Sekunde seines Lebens. Und dann trägt er ihn
- so wie immer -
über den Rand.
rueckenwind.gif

Illustration: Christian Reinken