Andromeda und das Kreuz des Südens

von Jörg Ehrnsberger

erschienen im Rahmen der Titelrubrik in Kommunikaze 37, viertes Quartal 2010

Der Himmel war so schwarz, wie er ihn noch nie gesehen hatte. Und es war so ruhig, wie er es seit Monaten nicht mehr erlebt hatte. Am Himmel stand lediglich der Mond und etwas darunter waren die ersten Umrisse der Venus zu erahnen. Er war am Strand eines Gebirgssees mitten in den Anden im Süden Chiles und hatte den Tag sanft vom Nachmittag in Richtung Abend gleiten lassen. Kein Mensch weit und breit, das Wasser kristallklar und der Himmel schien ewig hoch zu sein und egal in welche Richtung sein Blick schweifte, wurde er von den schneebedeckten Gebirgshängen der Anden eingefangen, die ihre Farbe im Licht der untergehenden Sonne von rot über blau nach schwarz veränderten.

Seit dem Nachmittag saß er auf diesem Baumstamm, der knappe zehn Meter weit in das Wasser des Sees hineinragte. Zuerst hatte er sich gewundert, dass in regelmäßigen Abständen diese Jahrhunderte alten Baumstämme im Wasser lagen, aber dann erinnerte er sich an seinen Reiseführer. Die Wälder waren hier noch in ihrem Urzustand, allerdings nicht, weil niemand an dem über hunderte Jahre langsam gewachsenem Holz Verwertungsinteresse hatte, im Gegenteil. Die Hänge am See waren zu steil, um die Bäume abzutransportieren, weshalb die Bäume mit ihren Meter dicken Stämmen im Wasser lagen und es schien so, dass sie eher einsanken als verrotteten.

Die Zeit flog dahin, obwohl er eigentlich nur probieren wollte, wie weit er auf dem Baum in den See hineinklettern konnte. Es interessierte ihn, wie tief er in das Wasser gucken konnte, das so klar war und so frisch schmeckte, als er davon trank.

Und dann fand er diese Astgabelung, wo dieser dicke Ast ehemals mehr dem Boden als dem Himmel zugeneigt war und ihm jetzt, wo der Baum im Wasser lag, einen bequemen Sessel bot mit einer perfekt eingestellten Rückenlehne. Alle Gedanken trieben mit den leichten Wellen des Wassers hinfort in Richtung Horizont. Irgendwo da hinten musste Argentinien sein, noch ein Ort, an dem er noch nie gewesen war.

Es gab keine Fische im Wasser. Zumindest machten sie sich nicht die Mühe, vorbei zu kommen. Er saß da und wollte eigentlich einen Moment ausruhen, aber der Baum war so bequem, dass er einfach nicht wieder aufstehen konnte. Zuerst. Und dann nicht mehr wollte. Je länger er nach den Fischen suchte, umso mehr bekam er den Eindruck, dass der Stamm leicht schaukelte. Auch wenn er wusste, dass es in Wahrheit und den bekannten Naturgesetzen entsprechend das Wasser war, das sich bewegte. Aber er neigte dazu, sich als stabil und den Rest der Welt als beweglich wahrzunehmen, auch wenn er wusste, dass das nicht immer so stimmte.

Je länger er da saß, umso weniger suchte er nach Fischen, die doch nicht vorbei kommen wollten und desto mehr ließ er sich auf die Illusion ein, der Stamm schaukelte und das Wasser war still. Und es wehte kein Wind und die Wellen schlugen gleichmäßig an den Stamm, nein, der Stamm schlug gleichmäßig ins Wasser und er war nicht hier, um nach Fischen zu suchen, nein, die Fische konnten ihn besuchen, wenn sie wollten. Aber sie wollten nicht und das war ihm recht. Er wollte auch nicht, was konnte er da schon von anderen erwarten?

Statt der Fische kam aber die Venus, die sich über den Spiegel des Sees an ihn herantastete. Der Mond, der im Spiegel des Wassers zitterte, wurde von den regelmäßigen Bewegungen, die er und der Stamm auf das Wasser übertrugen, leicht gebrochen und die Venus schien so immer an den Mond heran und dann wieder weg zu springen.

Und mit jedem Sprung der Venus weg vom Mond stellte die Venus den Himmel etwas dunkler, so dass auch die anderen Sterne zur Geltung kamen. Einer nach dem anderen zeigten sie sich am Himmel, mehr als er je gesehen hatte, denn es gab hier weit und breit kein Licht, das die Sicht verschlechterte. Und so konnte er nach und nach eine erste Formation am Himmel ausmachen. Er sah den großen Wagen, Andromeda, Herkules und Pegasus. Sie schienen leicht verzerrt zu sein, und es waren nicht die richtigen Sterne, die hell und die richtigen, die nicht so hell waren. Aber schließlich war er ja auch einmal um die halbe Erdkugel geflogen, weshalb es ihm völlig normal erschien, dass die Dinge hier etwas anders aussahen. Und je länger er suchte, desto mehr Sternbilder fand er und er erinnerte sich wieder an die Zeit, als er als kleiner Junge mit dem Teleskop versucht hatte, die Sterne zu zählen und er das erste Mal und völlig unvorhergesehen mit dem Phänomen der Unendlichkeit konfrontiert wurde. Nie hatte er soviel Sterne gesehen und nie fiel es ihm so leicht, so viele Sternbilder zu finden.

Erst als er Wochen später wieder zuhause war und in seinem Sternenatlas nachschaute, welche Sternbilder er übersehen hatte, fiel ihm auf, dass er keines der Sternbilder, die er gesehen hatte, wirklich hatte sehen können. Und die, die er hätte sehen müssen, das Kreuz des Südens oder den Zentauren, hatte er nicht erkannt. Sein Gehirn war es, das ihm die bekannten Muster im Chaos der unendlichen Sterne zeigte. Er war als Mathematiker auf Mustererkennung programmiert. Das war im Alltag hilfreich. Nun aber fragte er sich, wie oft er wohl auch schon im Alltag etwas gesehen hatte, was es gar nicht gab, bloß weil er es sehen wollte, weil er dran gewöhnt war, es zu sehen.

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Illustration: Mia Hague