Indoor-Erfahrungen

von Tobias Nehren

erschienen im Rahmen der Titelrubrik in Kommunikaze 37, viertes Quartal 2010

Der Radsport ist in einem Punkt ganz elementar anders als andere Sportarten. Vielleicht ist das Besondere,  dass es nicht in erster Linie darum geht, der Beste im Hochspringen, im Toreschießen, im schnell Laufen oder in irgendetwas Ähnlichem zu sein, sondern darum, der Beste im am meisten Schmerz ertragen zu sein. Der Erste Im Radsport zu sein, bedeutet, derjenige zu sein, der am wenigsten merkt, dass alles, was man da tut, eigentlich relativ fern der menschlichen Natur ist. 

Wenn man sieben oder acht Stunden auf einem gut 13 Zentimeter langen und acht Zentimeter breiten Plastikkeil sitzt, währenddessen teilweise sieben oder acht Alpenpässe bei 35 Grad im Schatten überquert und dabei ca. 15 000 Kilokalorien verbrennt, dann muss man eines mehr können als alles andere: man muss leiden können und noch besser: man muss sogar leiden mögen.

Im Radsport geht es darum, wer am meisten ertragen kann, wer am besten an seine Schmerzgrenze und darüber hinaus gehen kann und vor allem wer die mentale Stärke - den Willen - besitzt, den anderen mehr Leid anzutun, als sie nehmen können, um dann gefeiert, geliebt und verehrt zu werden.

Mich, der ich leidenschaftlicher Hobbyschmerzforscher bin,  fasziniert dieser Sport. Ich will wissen, wie das ist, wenn nichts mehr geht und man dennoch weiter macht, wenn alles brennt und man trotzdem die Beine weiter bewegt, wenn einem die Oberschenkel schmerzen, wenn man glaubt, es zerreißt einem die Lunge, und das Herz pumpt direkt gegen den Unterkiefer.

Aber wo kann der moderne Stadtmensch dies erleben, ohne erst hunderte von Kilometern in die Alpen oder Pyrenäen reisen zu müssen? Diese Frage stellte sich mir. Ich machte allerlei Selbstexperimente auf der Suche nach meinem Limit: Ich schnitt mich in den Finger,  mit Absicht! - Und dann ging ich Laufen, bis zum Rewe! Aber ich spürte keine Mauer, keine Grenze des Schmerzes. Ich aß eine Packung Miracoli, allein, mit dem ganzen Parmesan! Und dann... ging ich Schwimmen, 30 mal hin und her, Kraul! Es passierte nicht viel, ich ging nicht mal unter, obwohl davor meine Mutter immer und immer wieder gewarnt hatte. Was also tun?

Die einfache Antwort kam, als sich Ronny und Jan an der Bar meines Fitnessclubs über die letzte Stunde Spinning unterhielten und ich folgende Wortfetzen aufschnappte: „Der neue Trainer“ ... „zu krass“... „keine 40 Minuten durchgehalten“... „da ging nichts mehr“ ...  „der klingt wie ein amerikanischer Armeeausbilder.“

Das ist doch genau, was ich suche, dachte ich. Ich fand heraus, dass mein Selbsterfahrungskurs „Grenzen meines Schmerzes entdecken“, den die anderen „Indoor Cycling III“ nennen, Samstagmittag um 12 Uhr war. Da ich nichts mehr fürchte als einen Hungerast, also den Zustand, wenn die Muskeln nichts mehr zu verbrennen haben, steckte ich mir für „unterwegs“ noch acht Bananen und zwei Flaschen Wasser ein und klebte mir die Brustwarzen ab. Letzteres deswegen, weil ich mir immer schon mal die Brustwarzen abkleben wollte. 

Als ich das Indoor Cyling Studio betrete, ist Ronny - in Radfahrer-Latzhose und Radtrikot gewandet - gerade dabei, sein, wie er sagt, „Bike“ millimetergenau einzustellen. Ronny ist nicht nur leidenschaftlicher Radfahrer, sondern auch Leistungssolarianer mit einer wunderbar ins Rotbraun changierenden Lederhaut. Außerdem ist Ronny ganzkörperrasiert, was ich weiß, seitdem ich vier Wochen zuvor schon mal unfreiwillig im Nassraum an der blutigen Geschichte seiner Intimrasur teilhaben musste, die er lautstark in den Dunst malte.

Ich bin weder braungebrannt noch habe ich ein Radtrikot, und von Ganzkörperrasuren verstehe ich ähnlich viel wie von Herzoperationen - ich weiß, dass es sie gibt. Aber wenigstens Radschuhe zur festen Bindung zwischen Pedal und Schuh habe ich mir besorgt. Und... ich habe abgeklebte Brustwarzen!


Soweit alles gut, ist mein letzter Gedanke, bevor ein 165cm großer kleiner Mann den Raum betritt, der - selbstredend professionell gekleidet - aus nichts mehr besteht als aus Muskeln, einem zu groß wirkendem Kopf und ein paar Knochen. Allerdings macht das Knochengerüst den Eindruck, als hätte er dieses mittels moderner Trainingsmethoden auf ein gewichtssparendes Mindestmaß optimiert. Aber Steffen hat ein lautes Organ, das merke ich, als er schreiend fragt, ob wir „Bock haben, den Boden mit unserem Schweiß zu tränken.“ „Mmhh, nun ja“ möchte ich antworten, aber da rufen schon fünf Männer um mich herum „Jaaaa“. Sie heben dabei ihre Arme drohend in die Höhe, als würden sie sich gerade für eine Statistenrolle in der Schlachtszene von Gladiator 2 bewerben.

„Du bist neu hier?“, fragt mich Steffen mit einem zusammengekniffenen Auge und meine Antwort „Ja, aber ich habe schon öfter Spinning gemacht“ wird von ihm mit dem Blick eines Piratenkapitäns erwidert, während die anderen Teilnehmer wie eine Meute Matrosen hämisch in sich hineinglucksen.

Ich richte meinen Blick nach unten, auf die Einstellung meines „Hometrainers“, wie ich sage, und sage weiter nichts.

Punkt zwölf geht es los und wir werfen uns, unsere Spiegelbilder fest im Blick, in die Schlacht. Nach zehn Minuten „Warmfahren“, wie Trainer Steffen das nennt, höre ich zum ersten mal meinen Schweinehund aufjaulen und freue mich wie ein Fünfjähriger über ein Capri Eis, als wir den Griff zur Wasserflasche befehligt bekommen.

„Dann wollen wir uns mal ein bisschen weh tun“ ruft, nein, schreit Steffen, und zu meiner Verwunderung erwidern meine Mitstreiter wieder in bester Legionärsmanier mit einem lautstarken „JAAAA“-Gebrüll.

Ronny hat sich zu diesem Zeitpunkt längst sein Radtrikot vom Leib gepellt und kippt sich einen guten Schluck Wasser aus seiner Trinkflasche über den Kopf. Bei Minute 15 des ersten Anstieges bedenkt mich Steffen mit einem respektvollen Lächeln und befördert meinen Ehrgeiz direkt unter die Decke des Spiegelsaals. Gegen diesen Ehrgeiz steht das Gefühl in meinen Oberschenkeln, das einer Mischung des Signals von sich auf die Zunge beißen, mit dem Fuß umknicken und sich mit dem Hammer auf den Finger hauen und dabei in den Finger schneiden gleichkommt – und das alles mit einer Packung Miracoli im Bauch.

Ich stelle fest: „Ich bin definitiv im Land, wo das Leiden wohnt.“ Tröstlich ist nur, dass ich dort nicht allein bin, denn links und rechts von mir wiegen sich 20- bis 40-jährige Männer mit aufeinandergepressten Zähnen, und, ja, sie tränken den Boden mit ihrem Schweiß.

Ich versuche auch nach 50 Minuten eine möglichst ausdruckslose Mine aufzulegen, was erhebliche Aufmerksamkeit frisst. Aufmerksamkeit, die sich sonst auf das Brennen meiner Oberschenkel und den Krampf in meiner rechten Hand lenken würde. Ich erblicke mich im Spiegel des Cycling Studios, welch eine klinische Bezeichnung für diese Folterkammer, und stelle fest, dass ich scheiße aussehe.  Ich bin komplett blau, wie man unter Radsportlern sagt, und drücke die hochkommende Banane mit einer neuen von oben wieder runter. Komischerweise schmeckt diese in diesem Moment so gut, wie noch niemals einem Menschen eine Banane geschmeckt hat. Da noch 40 Minuten vor uns liegen, die wir weitestgehend „bergauf“ fahren werden, beschließe ich kurz Tempo rauszunehmen und will gerade an dem kleinen Rädchen drehen, um den Widerstand heimlich zu verringern, da schallt ein Pfiff durch den Raum. Als ich aufblicke, blickt Steffen mich an, die Finger im Mund und zeigt mir mit einem von links nach rechts pendelndem Zeigefinger, dass ich das Tempo jetzt nicht rausnehmen werde.

Stattdessen schreit er „Rampe“ in den Raum und dreht an seinem Rädchen, worauf die gesamte Mannschaft seinem Vorbild folgt und den Widerstand an ihren Fahrrädern erhöht. In diesem Moment verabschiedet sich „Vernunft“ aus meinem Bewusstsein, irgendetwas greift an das klitzekleine Rädchen und dreht „kräftig“  daran. Prompt merke ich die Wirkung und muss aus dem Sattel gehen. Ronny hebt seinen rasierten, mittlerweile gänzlich glänzenden Körper aus dem Sattel und gibt dabei den Ruf eines russischen, völlig unrasierten Baumstammwerfers von sich und stemmt sich in die Pedale. Überhaupt ist es für mich etwas befremdlich, mit welcher Exzentrik meine Mitfahrer ihren Emotionen Ausdruck verleihen. Immer wieder hört man ein orgiastisches „Jaaa“ oder ein jubilierendes „Wohhhoooo“ oder ein gequältes „Ahhh“. Ich rufe nichts. Das Ganze hat ein wenig etwas von einem amerikanischen Gospel-Gottesdienst, nur dass der Prediger nicht schwarz und groß sondern klein ist und auf einem Fahrrad sitzt. Ich bin in der Kathedrale des Schweißes, allein: Erleuchtet bin ich nicht.

Stattdessen finde ich in meinem Mund nirgends mehr einen Tropfen Speichel, und es schmeckt dort, als hätte ich an einem Lolly  der Geschmacksrichtung „Eisen“ geleckt. Ich japse nach Luft, und der Blick in den Spiegel sagt mir, dass der Anblick vor einer halben Stunde im Gegensatz zu dem jetzigen einem romantischen Gemälde gleichkommt. Ich fühle mich zugleich weniger und mehr als beschissen, und könnte ich meine Vernunft jetzt finden, würde ich einfach absteigen und nach Hause gehen. Aber sie ist nirgendwo zu sehen.

„Endspurt!“, schreit Steffen bei Minute 75 noch einmal in den Raum, und ich frage mich, ob er das ernst meint: „Ein Endspurt von 15 Minuten? Willst du mich verarschen?“, denke ich und stelle fest, dass ich ihn wirklich, wirklich nicht mag! „Ich mache das hier nieeeemals wieder“, stelle ich fest.  Ich werde auch nachher mit niemandem hier anstoßen und ich will auch nicht mit Ronny oder dem roten, keuchenden Typen neben Ronny reden. Ich hasse Ronny und seine theatralischen Gesten und wie er glänzt im Kunstlicht des Cycling Studios. „Verdammt, wir quälen uns wie die Bekloppten in einem geschlossenen Raum, auf Rädern die nicht von der Stelle kommen!“, schreit meine Vernunft, für ein kurzes Gastspiel zurückgekehrt in den Orbit meines Bewusstseins, doch die Info verglüht in der Atmosphäre. Meine Beine machen einfach weiter, immer weiter. Ich will einfach nur durchhalten, und ich will, dass die Anderen nicht durchhalten oder wenigstens, dass sie weniger gut durchhalten als ich, und so konzentriere ich mich wieder darauf, Haltung einzunehmen und meinen Gesichtsausdruck zu kontrollieren. Ich habe vom Ziehen am Pedal einen Krampf im rechten Fuß und vom Festkrallen am Lenker kann ich den Griff meiner linken Hand nicht mehr wirklich lösen, ich bin kaputt und kann nicht mehr, es sind 89 Minuten vergangen, und die Worte „Locker auslaufen lassen“ klingen besser als „Sechs richtige plus Zusatzzahl“, nur vor Freude springen kann ich nicht. Als ich meine Füße aus den Klickpedalen löse, tasten sie sich nur vorsichtig über den festen Boden. Das Letzte, was ich weiß, ist, wie der glänzend ledrige, rote Ronny mich anblickt und sagt: „Das, das, mein Junge, ist besser als ficken.“

An die darauf folgende Dusche, den Heimweg und wie ich ihn zurücklege, kann ich mich nur bruchstückhaft erinnern. Ich schlafe auf dem Sofa direkt ein.

Es ist 14 Uhr im Land des Leidens.

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Illustration: Christian Reinken