EinZimmerKücheBad

von Tobias Nehren

erschienen in Kommunikaze 31, viertes Quartal 2008

 

„Heute ist eigentlich ein guter Tag“, denkt sie. „Nur, dass er nicht mehr da ist“. Wie ein Loch, das neben ihr liegt. Ein Loch, das mit ihr am Esstisch sitzt. Ein Loch, das mit ihr unter der Dusche steht und mit ihr zur Arbeit fährt. Neben ihr, um sie herum. Da ist ein kaltes Loch, hier. „Das Loch ist hat ein Riesenarschloch ersetzt“, denkt sie. „Kalt ist das Loch. Aber wenigstens war das Arschloch warm. Mit dem Arschloch war es besser“, denkt sie. „Lieber ein warmes Arschloch, als ein nur kaltes Loch“, sagt sie und muss selbst lachen. Ihr Lachen hallt in ihrer kalten Ein-Zimmer-Küche-Bad-Wohnung wieder, mitten im August. Ein Fleck ist da, ein schwarzer Fleck. Ein Loch eben. Da fehlt einfach was in ihrer Welt. Da ist jetzt ein Bereich, der nicht mehr da ist.

Wie eine emotionale Neutronenbombe schlug der Satz in ihrer Ein-Zimmer-Küche-Bad-Wohnung ein. Ein ohrenbetäbender Knall, der alles in Stille erdrückte; Alles still, nur tote Gefühle, getötet mit einem Satz.
Und nicht einmal ein richtiger Satz war das. „Ich ziehe zu Sina“. „Was ist denn das für ein Satz?“, denkt sie. Naja, das ist schon ein Satz, irgendwie, aber Herr Iwen, ihr Grundschullehrer, der hätte ihr für solche Sätze einen Einlauf verpasst. Aber verdammt, was machte Herr Iwen jetzt in ihrem Kopf? Und da war es wieder, das Loch. Alles schien das Loch gefressen zu haben in den letzten Wochen. Es gab nichts Wichtigeres. Nichts konnte diese Stelle ersetzen. Kein Tina-Tequila Abend, kein Kino, kein Joint, alles war große Scheiße, weil das Loch immer auch da war, weil er auch immer da gewesen war.

Und wo er noch nicht da gewesen war, da fragte sie sich, wie es wäre, wenn er da gewesen wäre. Und dann war es wieder da, dieses Loch. Das einzige, was noch ging, waren die Sonics. Extra versteckt hatte sie die CD, damit er sie nicht mit ihr hatte hören können. So gab es keine Verbindung zwischen den Sonics, ihm und ihr. Die einzige Medizin waren die Sonics. Sonics laut = Loch leise. Aber jetzt gab es jetzt keine Sonics. Also war es wieder da. Immer wieder dieses scheiß Loch, das sie fragend ansah und sie daran erinnerte, dass die letzten vier Jahre irgendwie verpufft waren. Verpufft in dem Satz „Ich ziehe zu Sina“. Das ganze Vertrauen und die ganze Liebe und dass ganze Fummeln und BH-Aufprokeln und mit Dessous überraschen und das Ficken und das Kuscheln und das Schmusen und das zusammen total nackt sein und das auf der Toilette sitzen, während er unter der Dusche stand. Alles weg, wegen „Ich ziehe zu Sina“. Nun war von alledem nichts mehr da nur noch diese leere Loch; wegen, „Ich ziehe zu Sina.“ „Zieh doch, wohin Du willst, Arschloch!“ Hatte sie sagen wollen und „...Aä-pf-hh“ hatte sie gesagt, weil die verbale Bombe in ihrer Ein-Zimmer-Küche-Bad-Wohnung sie so leise gemacht hatte.

Dieses Loch, das irgendwie immer da ist. Unter der Bettdecke. Ein schwarzes Loch und die Frage, wie es wäre wenn ER jetzt da wäre und gleichzeitig die Frage, was denn war, als ER noch hier war: War ER da noch da? Oder war ER da auch schon zu Sina gezogen und Sie hatte er nur irgendwie übrig gelassen; unter der Decke. Hatte er nur einen Rest von sich da gelassen und sie hatte es nicht gemerkt? Wann er zu Sina gezogen war, dass will sie jetzt wissen, weil das Loch sie das immer wieder fragt. War das Loch im Mai schon da, und sie hatte es nicht gesehen? Kaputt macht sie das in den letzten Wochen.
All diese Fragen rund um das Nichts. Fragen, die zu nichts führen und keine Antworten hergeben. Gleich will Tina kommen und Tequila mitbringen, in die Küche ihrer Ein-Zimmer-Küche-Bad-Wohnung zu ihr und dem Loch.

Schnell, denkt sie, schnell noch die Sonics-CD aus der Anlage nehmen und dann irgendwie weitermachen. „Eigentlich war es doch ein ganz guter Tag“, denkt sie.

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