erschienen in Kommunikaze 31, viertes Quartal 2008
Hallo Mama,
mir geht es gut. Vom Wetter her könnte es etwas kühler sein. Wenn ich morgens im Büro ankomme, habe ich bereits die erste Garnitur durchgeschwitzt. Das Essen aber weiß durchaus zu überzeugen und es ist sehr lecker. Jeden Mittwoch ist Schnitzeltag, und morgens esse ich einen Bagel mit Streichkäse und dazu trinke ich einen Kaffee. To-Go, wie man hier zu sagen pflegt. In der U-Bahn lese ich dann immer die Gratiszeitung.
Die Stadt ist sehr groß und ziemlich verrückt. Was man hier alles erlebt, erlebt man sonst woanders. Und auch die Menschen, die hier rumlaufen, sind, denke ich, wenn ich so drüber nachdenke, auch alle verrückt. Aber viel mehr, als zum Beispiel zuhause. Gestern habe ich einen Schwarzen gesehen, der komplett in weiß gekleidet auf einem Sockel stand. Auch sein Gesicht war weiß geschminkt, und er hatte weiße Handschuhe an. Und auf dem Kopf trug er einen weißen Zylinder. Auf den Zylinder hatte er in silberner Schrift ein Hakenkreuz gemalt. Da wusste ich dann auch nicht mehr, was das alles soll.
Gestern hat mich Jimmy auf der Straße angesprochen. Jimmy hat bei einem Film mitgearbeitet, in dem es um Zufälle in dieser Stadt geht. Er dachte, ich wäre vom Team und als gemerkt hat, dass ich nicht vom Team bin, hat er mich einfach zur Premiere eingeladen. Jimmy ist Tontechniker. Der Film war eher schlecht, aber als mich Jimmy nach dem Film gefragt hat, wie er mir gefallen hat, habe ich ihm gesagt, dass er mir ausgesprochen gut gefallen hätte. Dann sind wir zur Premierenparty in einen privaten Club gefahren. Die Cocktails waren umsonst, und alle wollten von mir wissen, ob ich schon mal auf dem Oktoberfest war. Obwohl ich da ja noch nie war und das auch sonst eher scheiße finde, weil aber Cocktails und Bier umsonst waren, habe ich allen erzählt, dass ich jedes Jahr auf dem Oktoberfest bin, und dass es dort echt super ist. Am nächsten Tag musste ich in einem großen Park in eine Hecke kotzen.
Der Gegend, in der ich wohne, haftet ein zweifelhafter Ruf an. Einmal, als ich gesagt habe, wo ich wohne, hat mich eine Arbeitskollegin ungläubig angeschaut und erzählt, dass ihr ein Taxifahrer erzählt hat, in dieser Gegend dürfe man des Nachts nicht umherwandeln. Aber ich möchte dich nicht beunruhigen. Mir ist noch nichts passiert, und ich fühle mich sehr wohl.
Dann habe ich noch einen Franzosen kennen gelernt, der auf einem Ohr taub ist. Das war komisch, weil man, wenn man mit ihm geredet hat, immer nur das eine Ohr benutzen konnte, und er einem dieses Ohr immer direkt vor den Mund gehalten hat. Wenn man dann fertig mit reden war, hat er sich nach einer halben Ewigkeit leicht gedreht, einen mit großen Augen angeschaut und angefangen zu sprechen. Verrückt.
Irgendwann musste ich anfangen zu arbeiten. Da dachte ich, der Ernst des Lebens würde beginnen und es wäre aus mit dem Spaß. Aber da hatte ich mich geirrt. Was ich in der Ballerbude alles erlebt habe, erzähle ich dir, wenn ich wieder zu Hause bin.
Es ist jedenfalls eine tolle Erfahrung, hier einmal gewesen zu sein, auch weil dies ein Ort ist, der einem klarmacht, dass es alles, was es gibt, in verschiedenen Größen und Formen gibt.
Dein Sohn



